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    Macht auf der Flucht

    <div id="zd_img_license">Königin Wilhelmina der Niederlande bei ihrer ersten Radio-Ansprache aus London, 28. Juli 1940. Sie eröffnete damit zugleich das Programm von »Radio Oranje«, dem offiziellen Sender der Exilregierung.(Nationaal Archief, Den Haag/Public Domain; unbekannter Fotograf)</div><div id="zd_updated">2018-12-03T16:47:54+01:00</div><div id="zd_language">Deutsch</div>Europa flüchtet nach London
    Immigrationsgesetzgebung in Großbritannien
    Politiker, Intellektuelle, Militärs und Monarchen
    Der Sonderstatus für Exilregierungen in London
    Ausblick: Vom »London Moment« zur Nachkriegsordnung

    Königin Wilhelmina wollte die Niederlande nicht verlassen. Die fast 60-jährige Königin war seit über 40 Jahren an der Macht und lehnte es ab, ihr Volk in der Stunde der Gefahr sich selbst zu überlassen. Doch die Luftangriffe der Wehrmacht im Mai 1940 hatten jegliche Kommunikation zwischen ihr und den niederländischen Truppen abgeschnitten. So blieb es ihr verwehrt, »das Los des Kriegers zu teilen« und »als der letzte Mann zu sterben im letzten Laufgraben«, wie sie es in ihren Erinnerungen formulierte.[1] Konfrontiert mit dem schnellen deutschen Vormarsch gab sie letztendlich ihren politischen und militärischen Beratern nach, die argumentierten, dass das Exil in London ihr mehr Handlungsoptionen biete als eine deutsche Gefangenschaft. Eine überstürzte Abreise schien die einzige Lösung zu sein, um der Gefangennahme durch die deutschen Truppen zu entkommen, die die Niederlande in einem Blitzkrieg-Angriff eroberten. Ein britischer Zerstörer nahm Wilhelmina an Bord und setzte sie an der britischen Küste ab. Am 14. Mai 1940 erreichte die Königin mit dem Zug Liverpool Street Station – als Geflüchtete, angeblich nur bekleidet mit einem Regenmantel über Morgenrock und Nachtwäsche.[2] Die Figur der Königin ohne Hab und Gut auf fremdem Boden vereint zwei kontrastierende Bilder: Staatsoberhaupt und Flüchtling; Macht und Ohnmacht; Befehlen und Unterordnen. Im Fall der europäischen Exilregierungen, die im Zweiten Weltkrieg Zuflucht in Großbritannien suchten, verbanden und kristallisierten sich diese Gegensätze.
    In dem folgenden Aufsatz geht es um eine sehr spezielle Flüchtlingsgruppe – um Politiker, Intellektuelle, Monarchen und Militärs auf der Flucht. Wie sahen ihre Lebensbedingungen und Handlungsoptionen in London aus? Dabei soll auch die Verdichtung von europäischer Politik gerade im städtischen Raum Londons angesprochen werden. Der Beitrag zielt darauf, die häufig vereinfacht gebrauchten Definitionen von »Flucht« und »Flüchtling« zu hinterfragen und um die Untersuchung der Besonderheiten von Macht auf der Flucht zu ergänzen. Hierfür herangezogen wurden neben veröffentlichten Quellen (Tageszeitungen, Erinnerungen, Memoiren, Gesetzesblättern) Dokumente und Nachlässe aus Archiven in Brüssel (Archives Générales du Royaume, AGR), Paris (Archives Nationales, AN), Warschau (Archiwum Akt Nowych, AAN) und London (Polish Institute and Sikorski Museum, PISM; The National Archives Kew, TNA). Der Beitrag skizziert so den Beginn des »London Moment«, einer speziellen Form europäischer Zusammenarbeit während des Zweiten Weltkrieges.[3]

    Königin Wilhelmina der Niederlande bei ihrer ersten Radio-Ansprache aus London, 28. Juli 1940. Sie eröffnete damit zugleich das Programm von »Radio Oranje«,
    dem offiziellen Sender der Exilregierung.
    (Nationaal Archief, Den Haag/Public Domain;
    unbekannter Fotograf)

    Der Zweite Weltkrieg markierte einen Wendepunkt der Flüchtlingsregime. So viele Menschen wie nie zuvor (und bisher auch nicht danach) wurden durch diesen Krieg entwurzelt. Die Flucht vor Frontverläufen, vor autoritären Regimen, vor Verfolgung, Deportation und Zwangsvertreibung betraf einen großen Teil der europäischen und sogar der globalen Bevölkerung. Peter Gatrell spricht von 60 Millionen Flüchtlingen (bzw. Displaced Persons) allein in Kontinentaleuropa, 175 Millionen weltweit. Dies entsprach etwa 7,6 Prozent der Weltbevölkerung zu Kriegsende.[4] In der Flüchtlingsforschung stehen zu Recht vor allem die größten dieser Flüchtlingsgruppen im Mittelpunkt, die am meisten unter Deportationen, Vertreibungen, Verfolgung zu leiden hatten.[5] Kaum beachtet wurde bisher, dass viele Angehörige der europäischen Nachkriegselite zu diesen Flüchtlingen zählten. Die temporäre Migration nach London ist ein wichtiges Beispiel nicht nur für die Geschichte der Zwangsmigration während des Zweiten Weltkrieges, sondern auch für die spezifische Geschichte der europäischen Nachkriegselite. Durch die Existenz exilierter Regierungen in London wurde die staatliche Macht in der Mitte des 20. Jahrhunderts hinterfragt und musste neu definiert werden. Hier waren Menschen auf der Flucht, die selbst Grundlagen legten für die rechtlichen Rahmenbedingungen der Politik wie auch der Politik gegenüber Flüchtlingen: Als bald völkerrechtlich anerkannte Regierungen im Exil erließen sie zum einen noch während des Krieges Vorschriften zur Registrierung, Anerkennung und Behandlung der Flüchtlinge aus der eigenen Nation, die die britischen Rahmenbedingungen ergänzten. Zum anderen bereiteten sie Gesetze für die Nachkriegszeit vor oder waren in Gestalt einzelner politischer Akteure nach dem Weltkrieg an deren Verabschiedung beteiligt.
    Im Laufe der Jahre belief sich die Zahl der europäischen Flüchtlinge in London auf eine nennenswerte Größe. Etwa 150.000 Flüchtlinge lebten während des Zweiten Weltkrieges in Großbritannien, von denen etwa die Hälfte ab 1939 auf die Insel kam (die Zahl der jüdischen Flüchtlinge wird insgesamt auf etwa 10.000 geschätzt).[6] Einige Hunderte davon arbeiteten als Minister oder Mitarbeiter der Exilregierungen. Um dem genannten Wechselspiel aus Fluchterfahrung und Politikgestaltung nachzugehen, sollen in diesem Aufsatz vier Typen vorgestellt werden, die stellvertretend für die Vielzahl der Flüchtlinge mit Macht in London stehen: das Regierungsoberhaupt, der intellektuelle Internationalist, der Militär und die Monarchin. Dabei ist deren politische Macht – der Situation gemäß – auf eine spezifische Art auszulegen. Tatsächlich waren die Handlungsmöglichkeiten dieser Regierungen auf den ersten Blick durch das Exil und die damit einhergehende mangelnde Kontrolle über die Bastionen der Staatlichkeit (nach Georg Jellinek Staatsgebiet, Staatsvolk, Staatsgewalt) ebenso stark eingeschränkt wie durch die hierarchisch untergeordnete Position gegenüber dem Gastgeberland Großbritannien.[7] Dank erfochtener völkerrechtlicher Anerkennung, einer Verbesserung des individuellen rechtlichen Status und einer gegenüber Großbritannien wie auch dem Heimatland ausgeübten Performanz von Macht konnten die Handlungsoptionen der kontinentaleuropäischen Akteure jedoch stark ausgeweitet werden.[8] Dieser Prozess, ebenso wie die darauf aufbauende Kooperation zwischen Exilregierungen, kennzeichnet die Besonderheiten des »London Moment«, eines zeitlich (auf den Weltkrieg) und räumlich (auf London und Umgebung) begrenzten Fensters der Möglichkeiten europäischer Zusammenarbeit.[9]
    1. Europa flüchtet nach London
    Die Ankunft der niederländischen Königin in London kam trotz aller Vorzeichen für viele überraschend. Obwohl der Zweite Weltkrieg offiziell mit dem deutschen Einmarsch in Polen am 1. September 1939 begonnen hatte, blieb der Krieg in Westeuropa lange abstrakt. Im Französischen ist der Begriff »der Krieg von 1940« (»la guerre de 1940«) bis heute geläufig, und die britische Kriegserinnerung spricht für 1939/40 von der Phase des falschen, unechten Krieges, des »phoney war«. Zwischen Mai und September 1940 jedoch wurde aus der – in Londoner Perspektive – osteuropäischen Krise ein europäischer Krieg und London zur Hauptstadt des freien Europas.
    Seit dem Herbst 1939 hatte sich »Hitler’s Empire«, wie Mark Mazower es nennt, rasch über den europäischen Kontinent ausgebreitet.[10] Als Reaktion auf die gewalttätigen deutschen Eroberungen versuchten politische Eliten aus ganz Europa, sich in Sicherheit zu bringen, suchten nach alliiertem Schutz und internationaler Zusammenarbeit, wollten ihre staatliche Souveränität aufrechterhalten und zum gemeinsamen Sieg gegen Hitler beitragen.
    Zunächst schien Paris der beste Anlaufpunkt zu sein. Nach der Teilung der Tschechoslowakei und dem Angriff auf Polen flohen die ostmitteleuropäischen Regierungen nach Frankreich, um Nationalkomitees jenseits ihrer eigenen Grenzen einzurichten. Die polnische Regierung war in Reaktion auf den deutschen Angriff zeitweilig nach Rumänien geflohen, aber nur wenigen Beteiligten gelang die Flucht nach Frankreich, wo sie ein polnisches Nationalkomitee in Angers gründeten, welches bald als Exilregierung anerkannt wurde.[11]
    Die deutsche Wehrmacht bewegte sich rasch über den Kontinent. Als sich Hitlers Aggressionen gen Norden richteten, mussten sich die angegriffenen Staaten und Gesellschaften zwischen Kollaboration, Neutralität und Krieg entscheiden. Norwegen stellte sich als einziges skandinavisches Land der militärischen Herausforderung. Anfragen des norwegischen Königshauses auf Asyl in Schweden wurden abschlägig beschieden. So zogen sich der norwegische König und seine Regierung zunächst ins eigene Hinterland zurück.[12]
    In der Zwischenzeit hatte die Wehrmacht ihre Blitzkrieg-Taktik in die Benelux-Länder verlagert: Belgien und Luxemburg fielen innerhalb weniger Tage, die Niederlande nur kurz darauf. Die Wehrmacht verfolgte eine ähnliche Strategie wie im Osten: eine Kombination aus taktischen Luftangriffen und stark bewaffnetem Bodenangriff sowie der kompletten Missachtung von Völkerrecht in der Überschreitung von Grenzen zwischen Zivil und Militär und der Invasion neutraler Länder. Dies erwies sich als ein militärisch sehr erfolgreiches Vorgehen. Nur mit viel Mühe, Glück und nicht zuletzt häufig britischer Unterstützung gelangten europäische Flüchtlinge nach Großbritannien.
    Die britischen Inseln waren lediglich über den Luft- oder Seeweg erreichbar. Plätze in Flugzeugen waren noch schwerer zu ergattern als die bereits stark begrenzten Plätze auf Schiffen. Doch galt es nicht nur, den Ärmelkanal auf diese Weise zu überwinden. Die Besatzung des Kontinents hatte Landwege im Allgemeinen unsicher gemacht. Die Flucht in die Freiheit führte in den meisten Fällen über Seewege. Viele der europäischen Flüchtlinge waren mehr oder weniger improvisiert aufgebrochen. Dies bedeutete gefährliche Routen und zwielichtige Kontakte. Oft war eine größere Summe Geld erforderlich, um der deutschen Besatzung und der drohenden Gefangennahme aus politischen oder ethnischen Gründen zu entkommen.[13]
    Nach London gelangten Monarchen und Militärs, Minister, Mitarbeiter, ehemalige diplomatische Vertreter, Verwaltungsangestellte und sonstige Zivilisten. Ebenso wie ihre Flucht und Fluchtwege nicht einheitlich verlaufen waren, gestaltete sich die Situation der Geflüchteten je nach ihrer Herkunft und ihrem Status heterogen. Die Unterschiede in der Behandlung durch die britischen Behörden und die Handlungsoptionen der verschiedenen Flüchtlingstypen waren auch eng mit den rechtlichen Bedingungen verknüpft.
    2. Immigrationsgesetzgebung in Großbritannien
    Der rechtliche Rahmen für die Einwanderung der Flüchtlinge, die während des Zweiten Weltkrieges nach Großbritannien kamen, wurde durch den Aliens Act (5 Edw. VII c. 13) von 1905 gesetzt, der die Verantwortung für alle Belange von Immigration und Nationalität dem Home Secretary überschrieb. Der Aliens Restrictions Act (4 &amp; 5 Geo. V c. 12) von 1914 verpflichtete alle Fremden über 16 Jahren zur polizeilichen Registrierung. Der British Nationality and Status Act (4 &amp; 5 Geo. V c. 17) desselben Jahres weitete dies auf die Einbürgerung aus: Der Antragsteller hatte nicht nur einen fünfjährigen Aufenthalt oder Dienst für die Krone nachzuweisen (wie zuvor schon seit 1870), sondern auch adäquate Englischkenntnisse und »guten Charakter«. Diese Gesetze blieben in Kraft bis zum British Nationality Act von 1948.[14] Um der gefürchteten Invasion durch europäische Flüchtlinge vorzubeugen, führte die britische Regierung nach dem »Anschluss« Österreichs 1938 ein Visa-System zunächst für deutsche und österreichische Flüchtlinge (»enemy aliens«) ein. In den frühen Kriegsjahren war die britische Politik ihnen und den tschechoslowakischen Flüchtlingen gegenüber so, dass lediglich eine Duldung als »Transmigrant« möglich war: Eine Einreise nach Großbritannien war nur unter der Bedingung erlaubt, dass eine absehbare Weiterreise (in die Vereinigten Staaten, nach Lateinamerika, nach Kanada o.ä.) nachgewiesen werden konnte.[15] Britische Organisationen übernahmen Bürgschaften, die gewährleisten sollten, dass eine Weiterreise gesichert und genügend Geld dafür vorhanden war. In den Jahren 1938/39 brachte das British Committee for Refugees from Czechoslovakia rund 3.500 Flüchtlinge nach Großbritannien, finanziell durch das Komitee abgesichert.[16]
    Die Möglichkeit, in Großbritannien überhaupt »illegal« sein zu können, war eine Erfindung des 20. Jahrhunderts, genauer gesagt des Aliens Act von 1905. Bis dahin war keine offizielle Genehmigung oder Registrierung vonnöten. Erst mit der Regelung von 1905 erhoben die britischen Behörden den Anspruch, zum Erlangen des Aufenthaltsrechts Flüchtlinge zu registrieren, zu autorisieren und damit per Definition auch potentiell abzuweisen.[17]
    Die Gesetzgebungen während des Ersten Weltkrieges verschärften die Immigrationsbedingungen weiter. Der Aliens Restrictions Act vom August 1914 erschwerte die Einwanderung und erließ klare Regeln zur Residenzpflicht. Einreisende Flüchtlinge wurden nun auch unterschieden in Personen aus feindlichen Staaten (»enemy aliens«) und solche aus alliierten oder neutralen Staaten (»friendly aliens«). Im Aliens Act von 1919 wurden die Rechte der Geflüchteten weiter beschnitten – insbesondere die »enemy aliens«, aber alle Nicht-Briten unterlagen nun strengen Vorschriften. »Aliens« war es etwa untersagt, sich an Streiks oder Protesten unter Arbeitern oder Soldaten zu beteiligen, was in den vorangehenden Diskussionen mit der Gefahr des Bolschewismus begründet worden war. Die Aliens Order von 1920 verband Immigrations- und Arbeitsmarktpolitik, da nun zur Einstellung von Nichtbriten eine Genehmigung des Ministry of Labour vonnöten war. »Aliens« mussten sich ab 1920 registrieren und die Registrierung jederzeit vorweisen können. Der Polizei wurden weitreichende Haft- und Deportationsrechte zugesprochen.[18]
    Auch im Zweiten Weltkrieg wurde zwischen Flüchtlingen aus feindlichen Staaten und solchen aus alliierten oder neutralen Staaten unterschieden. Wie bereits im Ersten Weltkrieg bedeutete dies de facto jedoch nur eine Schlechterstellung der »enemy aliens«, keine Bevorzugung der Flüchtlinge der alliierten Staaten. Während die Flüchtlingspolitik in den Jahren des »phoney war« noch relativ tolerant blieb, verschärfte sich die Situation nach der Niederlage Frankreichs.[19]
    Die Angst davor, von Flüchtlingen des Weltkrieges überrannt zu werden, führte zu einer restriktiveren Gesetzgebung und strengeren Sicherheitskontrollen. Drei Ängste insbesondere prägten die britische Debatte und unterstellten, dass mit den Flüchtlingen auch Gefahren nach Großbritannien kommen konnten. Die Ängste bezogen sich erstens auf eine vermutete logistische Ausnahmesituation sowie auf die sozialen und finanziellen Herausforderungen durch arme Flüchtlinge; zweitens auf die Gefahr durch eine »fünfte Kolonne« deutscher Spione unter den europäischen Flüchtlingen; drittens auf die mögliche Infiltration durch Kommunisten (trotz aller bald wechselnden Allianzen blieb Großbritannien durch den Krieg hindurch stark anti-kommunistisch geprägt). Gerüchte über Kollaboration mit den Nationalsozialisten auf dem Kontinent und eine potentielle »fünfte Kolonne« bewirkten schon 1940 einen Anstieg von Anti-Flüchtlingskampagnen in den Medien, aber auch Unmut in der Bevölkerung.[20] Briten ebenso wie ihre Regierung fürchteten, dass eine »army of poor people« von bis zu 200.000 Menschen allein aus den Benelux-Staaten die britischen Küsten erreichen könnte. 1943 zählte eine belgische Volkserhebung jedoch nur 14.781 belgische Flüchtlinge in Großbritannien.[21] Die Angst vor Kommunisten führte unter anderem zu einer konstanten MI5-Überwachung von osteuropäischen Flüchtlingen und unterstützenden Organisationen wie dem Czech Refugee Trust Fund.[22]
    Im Mai 1940 wurde daraufhin die Aliens Order von 1920 angepasst, um sicherzustellen, dass Flüchtlinge aus besetzten Gebieten, zunächst vor allem aus Belgien und den Niederlanden, nun den beinahe gleichen Restriktionen unterworfen waren wie Flüchtlinge aus Feindgebiet. Diese Entscheidung erschwerte die Einreise von Flüchtlingen aus Kontinentaleuropa deutlich. Nicht allen, die Zuflucht in Großbritannien suchten, wurde diese gewährt. Das tägliche Leben der Geflüchteten unterlag strengen Regeln: keine unerlaubten Ausflüge, keine Fahrräder, kein Radio, keine Autos oder Kameras – nichts, was in den Verdacht geraten könnte, bei Spionagetätigkeiten oder Sabotageakten dienlich zu sein.[23]
    Um die Situation der europäischen Elite im Exil zu verstehen, muss man sich vor allem auf die enger und weiter gefasste politische Elite konzentrieren, von königlichen und demokratischen Staatsoberhäuptern bis hin zu Ministern, Politikern und Intellektuellen. Dennoch ist es wichtig, dabei im Blick zu behalten, dass es sich hier um Flüchtlinge gemäß der rechtlichen Definition der Zeit handelte. Nach langem Zögern hatte sich Großbritannien über den Umweg eines 1936 verabschiedeten Provisional Arrangement bereiterklärt, die Convention relating to the International Status of Refugees von 1933 zu unterzeichnen.[24] Explizit wurde der Schutz für Flüchtlinge jedoch auf solche Personen beschränkt, die »no longer enjoy the protection of their country of origin«.[25] In dieser Hinsicht unterscheiden sich die rechtliche Situation wie auch die Lebensbedingungen der europäischen Eliten im Exil während des Zweiten Weltkrieges deutlich von der Migration und Mobilität jener Eliten, die für Friedenszeiten als »Kulturmigration« oder »Lifestyle Migration« beschrieben wird.[26]
    Alle Europäer in London teilten das gemeinsame Schicksal der Kriegsflüchtlinge und der Zwangsmigration, doch variierten die individuellen Situationen oft immens. Maßgebliche Unterschiede betrafen die Fluchtrouten nach London, den Status der Flüchtlinge vor Ort, ihre Unterbringung, ihre Kontakte zu Landesgenossen sowie Verbindungen zur britischen Bevölkerung und zu staatlichen Autoritäten. Anzunehmen wäre, dass sich die europäischen Exilanten vor allem nach ihren Nationalitäten unterscheiden ließen. So waren in London die Exilregierungen und Nationalkomitees von neun Ländern mit durchaus verschiedenem Status unter den Alliierten vor Ort: die Vertreter des Freien Frankreichs, die Exilregierungen der Niederlande, Belgiens, Luxemburgs, Norwegens, Polens, der Tschechoslowakei, Griechenlands und Jugoslawiens. Doch der Blick auf die Flucht und die Lebensbedingungen der Individuen zeigt, dass Status und Rolle im Herkunftsland und in London eine mindestens ebenso wichtige, wenn nicht mitunter entscheidendere Rolle spielten. Im Folgenden sollen daher bestimmte »Typen« der europäischen Exilanten auf der Flucht herausgearbeitet werden, um die transnationale gemeinsame Erfahrung zu betonen. Diese Typen repräsentieren zudem jeweils einen spezifischen Bezug zur staatlichen Macht und deren Hinterfragung durch das Exil in London.
    3. Politiker, Intellektuelle, Militärs und Monarchen
    3.1. Der Politiker. Der belgische Premierminister Hubert Pierlot war in einer schwierigen Situation. König Leopold III. hatte sich dafür entschieden, mit seiner Armee zu kapitulieren und sich in deutsche Kriegsgefangenschaft zu begeben. Die belgische Regierung jedoch wollte einerseits die nationale Souveränität wahren, sich nicht einer deutschen Besatzung oder Kollaboration unterwerfen und weiter mit den Alliierten kämpfen. Andererseits war sie als Regierung einer Monarchie ebenfalls dem belgischen König verpflichtet. Pierlot und seine Minister flohen zunächst nach Frankreich, zögerten aber vor einer endgültigen Entscheidung. Druck von außen wurde durch einen Mann namens Marcel-Henri Jaspar aufgebaut. Der vormalige Gesundheitsminister verließ sein Amt in der Regierung und setzte auf eigene Faust nach Großbritannien über. Gemeinsam mit Camille Huysmans, zuvor Präsident des Abgeordnetenhauses, erklärte er, die belgische Regierung auf Seiten der Alliierten repräsentieren zu wollen.[27] Die britische Presse feierte ihn als Vertreter des freien Belgiens. Die meisten noch in Belgien und Frankreich verbliebenen Regierungsmitglieder boten ihren Rücktritt an, um so die Bildung eines neuen Kabinetts zu ermöglichen, das die Bedingungen der Kapitulation mit Deutschland verhandeln sollte. Die unter Zugzwang gesetzte, in Frankreich verbliebene Regierung entschied sich, den Abtrünnigen zu folgen und selbst die Repräsentation Belgiens an der Seite der Alliierten zu übernehmen. Camille Gutt, Finanzminister, und Albert de Vleeschauwer, Kolonialminister, wurden als erste vorgeschickt. Premierminister Pierlot und die verbleibenden Minister hingegen mussten erst einen Umweg über Spanien auf sich nehmen, wo sie zudem von den Behörden des franquistischen Spaniens vorübergehend festgesetzt wurden, bevor sie im Oktober 1940 London erreichten.[28] Pierlot gelang es, seine Position innerhalb der Regierung trotz dieser Vorgeschichte zu festigen und die belgische Exilregierung während des Krieges im Kreis der Alliierten gut zu positionieren. In London nutzte er sowohl sein politisches Gewicht als auch persönliche Kontakte immer wieder explizit für Flüchtlings- und Versorgungsfragen.[29]
    Durch eine andere ungeplante, dem Krieg geschuldete Begebenheit fand sich die belgische Exilregierung in der komfortablen Situation, dass ein Großteil ihrer vormaligen Mitarbeiter in London weiterhin für sie arbeiten konnte. Nur wenige Stellen mussten aus dem Kreis der weiteren zivilen Geflüchteten neu besetzt werden. Nach der belgischen Kapitulation wurde zunächst eine großflächige Evakuierung von belgischen Verwaltungsbeamten nach Poitiers in Frankreich geplant, um erst dort eine eventuelle weitere Überführung nach Großbritannien zu erwägen. Allerdings waren nur wenige Plätze auf britischen Schiffen für die Exilregierung reserviert. Dennoch gelangte durch einen Zufall ein Großteil der belgischen Beamtenschaft nach Großbritannien. Denn während der umfangreichen Evakuierung der belgischen Verwaltung nach Frankreich wurden einige belgische Schiffe durch einen deutschen Luftangriff gezwungen, nach Southampton auszuweichen, anstatt ihren Seeweg nach Frankreich fortzusetzen. Einmal in Großbritannien gestrandet, warteten sie auf ruhige Wetter- und Kriegsverhältnisse, um den Ärmelkanal wieder Richtung Kontinent zu überqueren. Doch wurden ihre Pläne von dem schnellen Voranschreiten der Wehrmacht überholt, sodass letztendlich die belgische Verwaltung bereits vor ihrer politischen Führung in England war und dort auf diese wartete.

    Der belgische Premierminister Hubert Pierlot (Mitte, begleitet vom britischen Major General Robert Grice Sturges, rechts) wird bei einem offiziellen Besuch in einem Gruppenhauptquartier der Special Services mit militärischen Ehren empfangen, 21. April 1944.
    (Wikimedia Commons; Imperial War Museum/Public Domain;
    Foto: Lt. Tanner, War Office official photographer)

    Der belgische Premierminister war daher einerseits in einer besseren Situation als viele seiner Kollegen: Er war als gewählter amtierender Premier ins Ausland gegangen und konnte dort seine demokratische Legitimität gut rechtfertigen. Für die Alltagsgeschäfte verfügte er zudem über einen beinah kompletten Regierungs- und Verwaltungsapparat. Andererseits bereitete die besondere Situation durch die Kapitulation König Leopolds III. diplomatische und taktische Schwierigkeiten. Um auf Seiten der Allliierten anerkannt zu werden und handlungsfähig zu bleiben, musste sich die belgische Exilregierung von ihrem eigenen König distanzieren. Viele Ministerpräsidenten anderer Exilregierungen wurden dagegen erst in London berufen, um sich den neuen Gegebenheiten anzupassen oder um Personen zu ersetzen, denen die Flucht nicht geglückt war.
    3.2. Der intellektuelle Internationalist. Am 22. Juni 1940 unterzeichnete Pétain den Waffenstillstand mit Deutschland und ermöglichte die Errichtung des sogenannten Vichy-Frankreichs, angeführt von ihm selbst und in enger Kollaboration mit dem Hitler-Regime. In Paris packte René Cassin, anerkannter Juraprofessor an der Sorbonne und langjähriger französischer Vertreter beim Völkerbund, seine Koffer. Am 10. Mai 1940, achteinhalb Monate nach dem Einmarsch in Polen, hatte die deutsche Wehrmacht ihre Offensive gegen Frankreich begonnen. Bereits am 14. Juni marschierten deutsche Truppen in Paris ein.
    Cassin erkannte, dass ein Verbleib in Frankreich für ihn und seine Frau Simone keine ausreichende Sicherheit bot. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum Ärmelkanal und warteten auf das nächste Schiff nach Plymouth. Cassin sprach kein Englisch, aber sein Ziel war London. Am 26. Juni nahm ein Boot Cassin und seine Frau an Bord. In den Morgenstunden des 28. Juni, nur sechs Tage nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandes, erreichte das Paar die britische Hauptstadt. René Cassin, 52 Jahre alt und vermeintlich auf dem Höhepunkt seiner juristischen Karriere, war nun ein jüdischer Flüchtling aus dem teils besetzten, teils kollaborierenden Frankreich. Er wusste nicht, wie er in London Geld verdienen sollte, ganz zu schweigen davon, wie er seine Karriere fortsetzen könnte. Es gab zwar Hoffnung, aber keinerlei Garantie dafür, jemals wieder nach Frankreich zurückkehren zu können. Cassins Ankunft in England klang zunächst einmal wie das Ende einer bis dahin erfolgreichen Laufbahn in Wissenschaft und Diplomatie.
    Doch erwies sich die britische Hauptstadt im Gegenteil als fruchtbarer Boden für Cassins Kompetenzen und für Internationalismus im Allgemeinen. Cassin erreichte London nicht zuletzt dank seiner Kontakte zum Scholar Refugee Network, das Akademiker wie ihn bei der Flucht nach und der Ankunft in London unterstützte.[30] Das Institut français in Queensbery Place in Kensington etwa diente den Cassins wie vielen der ehemaligen Regierung nahestehenden Franzosen als erste Unterkunft in Großbritannien. Angeblich beklagte der Direktor des Instituts, Denis Saurat, sein Haus sei zu einer Pension des Freien Frankreichs geworden.[31] René Cassin und seine Frau erlebten im Institut français den Blitz, und Cassin beschreibt in seinen Tagebüchern wiederholt die Sicht auf das brennende Dach des Victoria &amp; Albert Museums.[32]
    Intellektuelle Internationalisten wie Cassin griffen auf existierende Netzwerke zurück und wurden zu Impulsgebern des Austausches zwischen den europäischen Eliten im Umfeld der Exilregierungen in London. Bereits 1940, direkt nach Ankunft auf der britischen Insel, verständigten sich die europäischen Emigranten nicht nur über die aktuelle Situation, sondern ebenso über Zukunftspläne. Auch Cassin, inzwischen Mitglied des Freien Frankreichs in London, griff auf alte Kontakte zurück, um gemeinsam mit anderen Akteuren konkrete Nachkriegs- und Friedenspläne zu entwickeln und sie in die Londoner Debatten einzubringen. Der Anknüpfungspunkt war häufig nicht die offizielle politische Ebene, sondern Cassins mit anderen geteilte Neigung zum Internationalismus, das Interesse an der internationalen Veteranenbewegung oder die gemeinsame juristische Berufserfahrung.
    Edvard Beneš etwa, Präsident der tschechoslowakischen Exilregierung, kannte Cassin aus Genf, wo letzterer von 1924 bis 1939 Mitglied der französischen Delegation beim Völkerbund gewesen war. Andere – wie der Pole Tomasz Arciszewski, späterer Premierminister der polnischen Exilregierung – waren wie Cassin in der internationalen Veteranenbewegung aktiv gewesen. Über persönliche Kontakte und erste kleinere Komitees wurde Cassin die zentrale Figur eines Netzwerks internationaler Juristen. In diesen Kreisen arbeiteten Rechtswissenschaftler aus verschiedenen europäischen Ländern eng zusammen, darunter auch Vaclav Beneš, Neffe des Präsidenten Beneš, und ebenso wie dieser ein Jurist sowie Mitglied der von seinem Onkel angeführten Exilregierung. Unter der Vielzahl der juristischen und alliierten Treffen in London erwies sich die London International Assembly als das wohl wichtigste und aktivste Netzwerk, doch gab es eine Vielzahl an Fachkomitees, die sich mit medizinischen, militärischen, juristischen und wirtschaftlichen Fragen auseinandersetzten – häufig in enger Kooperation mit britischen Experten.[33]
    3.3. Der Militär. Durch die chaotische Situation der Flucht und der Etablierung von Regierungen im Exil kam es zu einer starken Fokussierung auf charismatische Führungspersonen. In vielen Fällen wurde diese Rolle von Monarchen oder Politikern übernommen. Die Umstände und das oft entstehende Machtvakuum boten jedoch auch Aufstiegs- und Einflussmöglichkeiten für militärische Leitfiguren, die in der Umbruchphase neuen politischen Einfluss erhielten. Dies trifft ganz besonders für den polnischen General Władysław Sikorski und seinen französischen Kollegen General Charles de Gaulle zu. Beide hatten vor dem Beginn des Krieges keine Position inne, die ihren rapiden Machtzuwachs in militärischen und politischen Belangen während des Krieges nahegelegt hätte. Es gelang ihnen aber, aus unübersichtlichen Situationen Profit zu ziehen. In den Wirren konnten sie sich durchsetzen und sich machtpolitisch zentral positionieren. Schließlich wurden beide als charismatische Persönlichkeiten zur Personifizierung ihres jeweiligen Staates im Exil.

    General Sikorski (zweiter von links),
    Premierminister Churchill (Mitte) und
    General de Gaulle (zweiter von rechts)
    bei einer Panzervorführung in England, Februar 1941
    (picture alliance/AP Images)

    Nach dem deutschen Einmarsch in Polen hatten polnische Vertreter eine Exilregierung in Frankreich gebildet, um ihre Regierungsangelegenheiten weiterzuverfolgen. Zur Zeit des deutschen Angriffs auf Frankreich waren sie in Angers untergebracht, etwa eine Stunde südlich von Paris. Wieder waren sie in Gefahr. Um die Regierung – und das eigene Leben – zu retten, begann das polnische Kabinett seinen Umzug von Angers nach London am 20. Juni 1940. Präsident Władysław Raczkiewicz kam als einer der ersten gemeinsam mit Howard Kennard an, dem britischen Botschafter bei der polnischen Regierung. Obwohl kein Monarch, wurde Raczkiewicz bei seiner Ankunft in London von König George VI. persönlich willkommen geheißen. Seine Minister, darunter Premierminister General Sikorski, Außenminister Zaleski, Finanzminister Strasburger und einige mehr folgten in den Tagen danach. Einige konnten Regierungsmitarbeiter aus Angers mit nach England bringen, sodass ihre Arbeit in London fortgesetzt werden konnte.[34] Große Mühen wurden auch investiert, um die verbleibenden polnischen Truppenteile nach Großbritannien zu überführen. Dies geschah mit Unterstützung der britischen Admiralität. Polnische Schiffe und Truppen halfen ihrerseits bei der Evakuierung tschechoslowakischer Piloten aus Frankreich.[35]

    Filmaufnahmen verschiedener Personen der polnischen Exilregierungen 1940–1943. Der Abschnitt 0:31-0:51 zeigt den britischen König George VI. bei der Begrüßung des aus Frankreich eintreffenden polnischen Präsidenten Raczkiewicz am Bahnhof in London-Paddington.
    (Polish Institute and Sikorski Museum [PISM] London)

    Zumindest zu Beginn des Krieges versprach die militärische Kooperation der größte Trumpf in den Händen der europäischen Exilregierungen zu sein. In Anlehnung an den Ersten Weltkrieg wurde die Allianz politisch, mehr noch aber militärisch verstanden. Dies schlug sich zum einen in offizieller militärischer Kooperation nieder (oder zumindest deren Planung), zum anderen in der aktiven Förderung des Widerstandes und von neuen Kriegsformen durch die Special Operations Executive (SOE), die offiziell im Juni 1940 gegründet wurde. Dementsprechend stellten die Militärausgaben im Haushalt der polnischen Exilregierung den zweithöchsten Posten dar (übertroffen nur von Sozialausgaben).[36] Die reale Umsetzung erwies sich jedoch als deutlich schwieriger als von den Beteiligten erhofft, da sich auf allen Seiten die Prioritäten eines solchen bewaffneten Widerstandes während des Krieges wiederholt änderten.
    Sikorski hatte daher in seiner militärischen und politischen Doppelrolle eine ganz besondere Funktion. Schnell wurde er als eine Symbolfigur des Freien Polens betrachtet. Es war im Interesse der Exilregierung, nach außen wie nach innen ein starkes, handlungsfähiges und zugleich ansprechendes Bild zu vermitteln. Die Berichterstattung wurde nicht dem Zufall überlassen, sondern gut inszeniert: durch gezielten Lobbyismus bei der BBC und anderen Medien, durch direkte Kommunikationskanäle via Liaison Officers und mehr Sendezeit.[37] Sikorskis Reden standen in polnischen und internationalen Veröffentlichungen gleichberechtigt neben denen des Präsidenten Raczkiewicz und gewannen oft mehr Aufmerksamkeit.[38] Hier lassen sich, bis zu seinem Tod durch einen Flugzeugabsturz am 4. Juli 1943 bei Gibraltar, Parallelen zur Doppelrolle General de Gaulles ziehen: de Gaulle und Sikorski nahmen in ihrer Funktion, den Widerstand zu personifizieren, jeweils eine Rolle ein, die in den Monarchien eher der Königin oder dem König zukam.
    3.4. Die Monarchin. Königliche Hoheiten waren ebenso wie viele ihrer zivilen Leidensgenossen auf der Flucht vor Krieg und Gefangennahme durch das nationalsozialistische Deutschland.[39] Es war ungewiss, wie ihre Situation nach einer Gefangennahme und verweigerter Kollaboration ausgesehen hätte, doch ließen sich Gefahren für die persönliche Freiheit und das Leben vermuten. Dabei ist zu erkennen, dass sich ihre Fluchtwege nach und ihr Status in Großbritannien von der Lage anderer Flüchtlinge unterschieden. Die europäischen Monarchen (und die Monarchin) wurden bei ihrer Flucht auf die britischen Inseln von dort unterstützt, sodass die Flucht vergleichsweise privilegiert verlief. Königin Wilhelmina der Niederlande und König Haakon VII. von Norwegen erreichten Großbritannien auf britischen Kriegsschiffen; Peter II. von Jugoslawien und Georgios II. von Griechenland mit dem Flugzeug. Deutsche Luftangriffe waren jedoch bereits in dieser Phase des Krieges die Regel, und die Überquerung des Ärmelkanals hieß immer, sich recht ungeschützt zu präsentieren. Gefahrlos war die Flucht für niemanden.
    Die niederländische Königin, zunächst fest entschlossen, ihr Land nicht zu verlassen, beugte sich den Argumenten ihrer Minister – »ein Miniatur-Kriegskabinett in Schwimmwesten«, wie sie in ihren Memoiren schrieb.[40] In Anerkennung ihres Status wurde sie von König George VI. persönlich am Bahnhof empfangen.[41] Dies war nicht ungewöhnlich: Die europäischen Monarchen wurden meist vom britischen König selbst oder einem Angehörigen des Könighauses in Empfang genommen, oft in Begleitung mindestens eines Vertreters des Foreign Office, das für den Umgang mit den politisch einflussreichsten Persönlichkeiten aus europäischen Ländern verantwortlich war. George VI. begrüßte die Staatsoberhäupter persönlich bei oder bald nach ihrer Ankunft und stellte ihnen Einladungsbriefe aus, die betonten, dass sie keine Flüchtlinge, sondern Gäste seien. Königliche Exilanten wurden häufig vorübergehend im Buckingham Palace einquartiert und nahmen an Empfängen an der Seite der britischen Königsfamilie teil.[42]
    Beim Bestreben, in London Exilregierungen einzurichten, war es wichtig, Gerüchte zurückzuweisen, die Monarchin (oder der Monarch) habe durch den Gang ins Exil abgedankt.[43] Die Dringlichkeit dieses Schrittes wurde immer wieder betont. In Pressemitteilungen wurde auf die deutschen Pläne verwiesen, »Königin und Regierungsmitglieder zu entführen«. So sollte herausgestellt werden, dass es sich bei der Flucht nicht um eine freiwillige Entscheidung gehandelt habe, sondern um eine Pflicht zur Aufrechterhaltung der Regierung.[44] Die niederländische Legation (Botschaft) veröffentlichte über die BBC im Radio ein entsprechendes Statement. Nur »[i]m Wissen, dass Ihre Majestät ihrem Land besser dienen könne, wenn sie das Regieren des Königreiches von außerhalb des Kriegsgeschehens fortsetze«, habe sich Königin Wilhelmina zu diesem Schritt entschließen können.[45]
    Die Ankunft des norwegischen Königs Haakon VII., nur kurze Zeit darauf, lässt sich mit derjenigen der niederländischen Monarchin gut vergleichen. Angesichts der unabwendbaren militärischen Niederlage bestieg Haakon VII. am 7. Juni 1940 gemeinsam mit seiner Regierung und Teilen seiner Armee das britische Kriegsschiff HMS Devonshire in Tromsø.[46] Einen Tag nach der offiziellen Kapitulation Norwegens, am 11. Juni 1940, erreichte der König mit einem Sonderzug Euston Station in London. Er war in Begleitung von Kronprinz Olaf, Mitgliedern der norwegischen Regierung, der britischen Militärmission und dem britischen Botschafter in Norwegen, Sir Laurence Collier.[47] Ebenso wie die niederländische Regierung fühlten die Norweger sich verpflichtet, ihren Umzug nach Großbritannien in einem offiziellen Kommuniqué zu erklären. Dieses wurde zu Hause über die Tromsø-Funkstation verbreitet und erschien am folgenden Tag in der »Times«.[48] Im Gegensatz zum niederländischen Statement galt der Fokus hier jedoch nicht der persönlichen Sicherheit des Monarchen, sondern der Sicherheit des norwegischen Volkes und der Gemeinschaft der Alliierten.
    Die europäischen Monarchen nahmen in London schnell Kontakt auf. Königin Wilhelmina der Niederlande traf König Haakon VII. von Norwegen unmittelbar nach seiner Ankunft, nur wenige Wochen nach ihrer eigenen.[49] Ein Jahr später, im Sommer bzw. Herbst 1941, folgten zwei südeuropäische Monarchen: König Peter II. von Jugoslawien[50] und König Georgios II. von Griechenland.[51] Beide wurden von einigen Regierungsmitgliedern begleitet. Den europäischen Monarchen kam eine Sonderrolle zu: Während sie nicht direkt mit Regierungsverantwortung betraut waren, übernahmen sie (ebenso wie oft die militärischen Führungspersonen) eine symbolische Funktion, die in der Performanz von Macht und nationaler Souveränität sehr wichtig war – sowohl gegenüber dem Gastgeber Großbritannien als auch für die Kontakte zum Heimatland.
    4. Der Sonderstatus für Exilregierungen in London
    Wie erwähnt, definierte die britische Regierung die europäischen Exilregierungen in London explizit nicht als Flüchtlinge, sondern als Gäste der britischen Krone. Sie stellte Bargeld und Kredite zur Verfügung, aber auch Infrastruktur, etwa die Möglichkeiten des Foreign Office, der Sicherheitsdienste und der Schifffahrt. Auf der Grundlage des Verständnisses, dass die britische Regierung mit den Exilregierungen eine Gemeinschaft bilde, beantragte im Februar 1941 das Foreign Office, den Angehörigen der Exilregierungen diplomatische Immunität zu verleihen. In seiner Begründung erklärte Richard Austen Butler, Under-Secretary of State for Foreign Affairs und späterer Minister: »We have in London at the present time a miniature Europe. We wish, consequently, to adjust the law of our country in order to meet the international character of our capital.«[52]
    Diese Anpassung der rechtlichen Rahmenbedingungen geschah in drei Schritten: Zum einen wurde stärker zwischen »enemy aliens« und alliierten Flüchtlingen unterschieden. Während erstere nun zunehmend interniert oder zumindest beobachtet wurden, wurden die alliierten Flüchtlinge in die britische Kriegswirtschaft einbezogen: In Großbritannien wohnhafte Männer unter 65 Jahren sowie Frauen bis zum Alter von 50 Jahren waren ab 1941 verpflichtet zu arbeiten.[53] Einige der Geflüchteten fanden Arbeit in britischen Betrieben, als Übersetzer oder bei der BBC. Viele wurden jedoch auch über nationale Netzwerke beschäftigt. So berichtete die belgische Verwaltung stolz, dass 90 Prozent der belgischen Männer und 40 Prozent der belgischen Frauen in Großbritannien arbeiteten, viele davon für die belgische Verwaltung.[54] Zweitens wurde unterschieden zwischen der breiten Masse der Flüchtlinge und solchen, die familiär oder beruflich mit den Exilregierungen verbunden waren. Rechtlich wurde dies erreicht, indem 1942 die No. 1190 ALIEN Restriction (Statutory Rules and Orders), die ausländischen Witwen und Waisen von Angehörigen der britischen Truppen Ausnahmegenehmigungen einräumte, auf die Angehörigen der Exilregierungen beziehungsweise auf Personen mit einem von diesen Regierungen ausgestellten Zertifikat erweitert wurde. In der konkreten Umsetzung hieß das: Flüchtlinge, die eine Verbindung zu einer anerkannten Exilregierung vorweisen konnten, unterlagen zwar weiterhin Meldebestimmungen bezüglich ihres Aufenthaltsortes, mussten sich aber im Gegensatz zu den anderen Flüchtlingen nicht an fixe Sperrstunden halten. Sie durften zudem Waffen, Fahrräder, Autos, Fotokameras und Karten besitzen.[55]
    Die britische Regierung ließ sich darüber hinaus noch darauf ein, eine dritte Kategorie zu bilden: Alle Mitglieder der Exilregierungen im Range eines Ministers oder Staatssekretärs sowie Senior Members of Staff wurden mit diplomatischen Privilegien ausgestattet, die denen eines Botschafters gleichkamen. Dies versprach grundlegende rechtliche und finanzielle Vorteile. Angehörige der Regierungen wurden nicht direkt besteuert und mussten auch keine Einkommensteuer für ihre offiziellen Gehälter oder für private Einkommen ausländischer Herkunft bezahlen. Lizenzen zum Fahren von Kraftfahrzeugen konnten zentral beantragt werden, was dem Verfahren mit den diplomatischen Vertretern entsprach. Als Gegenleistung wurde einzig gewünscht, dass die belgische Regierung Versicherungen nach britischem Gesetz abschloss. Nahrungsmittelrationen entsprachen ebenfalls denen der diplomatischen Missionen – und somit der dreifachen Menge einer üblichen Ration. Zusätzlich konnten Mahlzeiten »for entertainment purposes«, also für Empfänge und ähnliches, von der Regierung beantragt werden. Auch für Kleidung und Benzin wurden Sonderkonditionen berücksichtigt.[56]
    Den Listen des Foreign Office zufolge waren im September 1941 von Seiten der alliierten Exilregierungen 55 Personen als Mitglieder der Regierungen gemeldet, weitere 282 Personen als Official Staff, also Festangestellte der Regierungen. Im Dezember 1942 war der Kreis bereits deutlich größer: 89 Regierungsangehörige und 488 Mitarbeiter.[57] Das rechtliche Fundament dieser Schritte wurde zwar erst im Februar 1941 durch das britische Parlament bestätigt, jedoch bereits im Dezember 1940 von Lord Halifax als Foreign Secretary in Briefen an die Führungen der Exilregierungen als Ad-hoc-Beschluss verkündet.[58]
    Je mehr europäische Flüchtlinge nach London kamen, und je etablierter der Status der nationalen Gruppen in London wurde und sie offiziell als Nationalkomitees und Exilregierungen anerkannt wurden, desto offensichtlicher wurde ihre Existenz auch im Londoner Stadtbild. Zunächst dienten die Botschaften vor Ort als Hauptsitz für die Exilregierungen. Diese boten Personal und Infrastruktur, ebenso Räume zum Arbeiten und mitunter auch zum Wohnen. Sie waren jedoch in ihrer Größe begrenzt. Bald wurden zusätzliche Wohnungen oder gar Häuser angemietet. Die bereits ansässigen kulturellen Einrichtungen wie das Institut français, der Polish Hearth Club (Ognisko Polskie) und das Czechoslovak Institute[59] wurden ebenfalls zu wichtigen Anlaufpunkten. Vor allen Dingen stellten sie Arbeitsraum zur Verfügung und spielten Gastgeber für diverse Treffen und Abendveranstaltungen. Auch britische Kirchen, Konzerthäuser, Verlagsgebäude, weitere kulturelle Einrichtungen und nicht zuletzt die BBC dienten als wichtige Orte der Zusammenkünfte. Die Europäer in London trafen sich zu interalliierten Komitees in angemieteten Tagungsräumen, verabredeten sich aber auch in kleinerem und größerem Kreis in Privathäusern, Hotels und Restaurants sowie Gentlemen Clubs.

    Tafel im heutigen Londoner Stadtraum
    (Kingston House North, Prince’s Gate, Westminster)
    zur Erinnerung an die norwegische Exilregierung
    (Wikimedia Commons,Simon Harriyott from Uckfield, England,Norwegian Government-in-exile (5096988595),CC BY 2.0)

    Das Netz der europäischen Exilregierungen spannte sich über ganz London. Die Lokalisierung hing dabei von verschiedenen Faktoren ab – zum einen vom Wunsch nach geographischer Nähe zu den Zentren britischer Macht: den Ministerien, der Regierung, der Special Operations Executive. Dies wurde ergänzt durch den Wunsch nach räumlicher Nähe zu anderen Alliierten und deren Botschaften: zur Sowjetunion,[60] den Vereinigten Staaten von Amerika[61] und kleineren Alliierten, mit denen man bestimmte Interessen teilte oder auch traditionell gute Beziehungen unterhielt.[62] Ein zweiter Faktor war das Bestreben der jeweiligen Exilregierung, die eigenen Ministerien und Büros so nah wie möglich zueinander und in Nähe der Botschaft einzurichten, um kurze Fußwege zu ermöglichen. Im Falle eines Bomben- oder Feuerschadens war so zudem mehr Flexibilität gegeben, in die anderen Büros umzuziehen. Der dritte Faktor bestand in der Requisition von Immobilien und spielte häufig dem Wunsch nach Nähe zur britischen Macht entgegen: Während London sich zur Hauptstadt Europas wandelte, wurde Büroraum rar und mitunter teuer durch die rasch zunehmende Einwanderung, aber auch durch die mit dem Blitz verbundene Zerstörung – obwohl es eine Gegenbewegung gab, weil britische Unternehmen aufs Land zogen. Gebäude und Grundstücke konnten im Kriegs-London nach dem Emergency (Defence) Act von 1939, verstärkt durch die Landlord and Tenant (Requisitioned Land) Acts von 1942 und 1944 für Kriegszwecke vom Staat requiriert werden. Während dies auf dem Land insbesondere zur Freistellung von landwirtschaftlichen Nutzflächen für Militärübungen oder Flugzeuglandeplätze galt, diente Requisition zu Kriegszwecken in der Innenstadt Londons oft dazu, Ministerien oder auch Büros der BBC unterzubringen. Beschlagnahmt wurden vor allem freistehende Gebäude, deren Besitzer als »enemy aliens« interniert worden waren oder aber vor den Bombardierungen aufs Land oder nach Übersee geflohen waren.
    5. Ausblick: Vom »London Moment« zur Nachkriegsordnung
    Die Anwesenheit der europäischen Exilregierungen und geflüchteten Machthaber, Beamten und Intellektuellen veränderte London und transformierte die Hauptstadt des British Empire beinahe über Nacht in eine europäische Metropole. Als Rab Butler (Foreign Office) vom »miniature Europe« sprach, ergänzte ein Artikel der »Times«: »miniature in size, not in quality«.[63] So schufen sowohl die Anwesenheit der Europäer als auch die Bereitschaft der Briten, sich (zumindest vorübergehend) auf die neue Rolle Londons als Zufluchtsort einzulassen, einen Mikrokosmos, der enge politische Kommunikation unter zeitlich und räumlich verdichteten Umständen erlaubte: den »London Moment«.
    Während der ersten Kriegsjahre vergrößerten sich die europäischen Gemeinschaften in London rasant. Flüchtlinge aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei waren bereits während der 1930er-Jahre und besonders nach dem »Anschluss« Österreichs 1938 ins Land gekommen. Der deutsche Einmarsch nach Polen und der offizielle Kriegsbeginn beschleunigten die Zuwanderung vom Kontinent. Es war jedoch die deutsche Besatzung Nord- und vor allem Westeuropas, die London endgültig zum letzten sicheren Hafen nicht nur für individuelle Flüchtlinge, sondern auch für europäische Regierungen und ihre politischen Eliten werden ließ.
    Die geflüchteten Europäer mit Macht waren in London eine disparate Gruppe: Monarchen, Regierungen, einflussreiche Politiker, Intellektuelle, Verwaltungsmitarbeiter, Militärangehörige, juristische und diplomatische Eliten. Dazu kamen ihre Familienmitglieder, die sie im Glücksfall begleiten konnten. Die verschiedenen Typen unter ihnen übernahmen unterschiedliche Rollen; sie beeinflussten die Politik und Zusammenarbeit in London jeweils auf eine eigene Weise. Nach dem »phoney war« überstürzten sich in der ehemals ruhigen britische Hauptstadt nun die Ereignisse. London verwandelte sich einerseits in einen Zufluchtsort europäischer Staatsoberhäupter und politischer Eliten. In der für die Kriegsjahre so typischen bitteren Ironie erreichten andererseits die deutschen Bomben die britische Hauptstadt im Sommer 1940, also nur kurz nachdem die ersten Europäer in der Hoffnung auf Sicherheit dorthin geflohen waren.
    In London entwickelte sich eine gemeinsam konstruierte Identität, der drei Zeitebenen zu Grunde lagen: die Interpretation von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dabei stand die Vergangenheit für eine alliierte Kooperation, die in den meisten Fällen als eine gemeinsame Erfahrung des Ersten Weltkrieges gedeutet wurde. Aber auch eine gemeinsame Vergangenheit über Verbindungen der Königshäuser (wie im Falle der im Ersten Weltkrieg nicht als Alliierte involvierten Niederländer) war relevant. Die Einbeziehung der Gegenwart erfolgte über die Allianz im aktuellen Zweiten Weltkrieg, gemeinsame Interessen und den gemeinsamen »war effort«. Die Zukunft spielte bei der Ausbildung dieser transnationalen Identität eine Rolle als Fluchtpunkt und Projektionsfläche. Kleinster gemeinsamer Nenner war der Sieg über Hitler, die Wiedererlangung staatlicher Unabhängigkeit der besetzten Länder. Darüber hinaus gab es gemeinsame Denkkollektive, in denen Zukunftsvisionen entworfen, mitunter auch durchgespielt und wieder verworfen wurden. Während der Kriegsjahre wurden so im Bestreben nach klaren Friedenszielen verschiedene europäische Föderationen und Kooperationen erwogen. Diskutiert wurden der Abbau staatlicher Souveränität und der Aufbau europäischer Zusammenarbeit auf wirtschaftlicher, finanzieller, militärischer und politischer Ebene.
    Die meisten Exilregierungen blieben für die Dauer der deutschen Besatzung ihrer Staaten in London: von 1940 bis 1944/45. Nach Kriegsende gelang es ihnen oft nicht, ihre politische Macht aufrechtzuerhalten; dies gilt auch für die britische Regierung unter Churchill. Das Erbe der Exilregierungen und des »London Moment« hingegen wirkte fort. Viele der »Londoner Europäer« verfolgten eine weitere Karriere in prominenten Positionen des eigenen Landes, auf europäischer Ebene oder bei den Vereinten Nationen. Die Fluchterfahrung prägte die Exilanten sowie ihr politisches und gesellschaftliches Handeln, im nationalen und mitunter internationalen Kontext. Während der Londoner Jahre stand die Versorgung der (vor allem europäischen) Flüchtlinge immer auch im Zentrum des Interesses der Exilregierungen und ihrer Politik. Signifikanter für die Kontinuität der Londoner Ideen war die Einbindung von Exilanten in den Aufbau der Nachkriegsorganisationen, die sich mit den Themen Flucht und Migration auseinandersetzten: insbesondere UNRRA und UNHCR.[64] Neben den prominenten Londoner Persönlichkeiten wie Cassin als Mit-Autor der Human Rights Declaration waren Mitglieder der Exilregierungen auf vielerlei Weise an der Genese von UNRRA beteiligt.[65] Ebenso lassen sich biographische Kontinuitäten aufzeigen – etwa durch die Wahl Gerrit Jan van Heuven Goedharts, des vormaligen Justizministers der niederländischen Exilregierung, an die Spitze des UNHCR Ende 1950.
    Politische Macht und Ohnmacht waren durch die Erfahrung der Flucht (und des Exils) eines signifikanten Teils der politischen Elite Europas eng miteinander verknüpft. Dabei kann keinesfalls von einer Einbahnstraße zur Aufwertung von Menschenrechten und einer Liberalisierung der Flüchtlingspolitik gesprochen werden. Auf der nationalen Ebene kehrten die meisten europäischen Nachkriegsregierungen zu strengen Reglements von Migration zurück oder befürworteten staatlich gelenkte Bevölkerungsverschiebungen.[66] Im internationalen Diskurs jedoch trugen die »Londoner Europäer« zur Errichtung eines neuen Ordnungssystems sowie zur folgenden Hochphase einer Internationalisierung von Recht, Migration und Kooperation bei, die parallel zum Kalten Krieg fortwirkte und deren Ende zu bestimmen wohl zukünftigen ZeithistorikerInnen obliegt.

    Anmerkungen:

    [1] Wilhelmina, Einsam und doch nicht allein, Stuttgart 1961, S. 247.

    [2] Die Schwägerin des britischen Königs, Princess Alice, notierte in ihrem Tagebüchern, die niederländische Königin sei in den ersten Tagen nicht in der Lage gewesen, soziale Anlässe wahrzunehmen, da die passende Kleidung gefehlt habe. Alice, Duchess of Gloucester, The Memoirs of Princess Alice, Duchess of Gloucester, London 1983, S. 121f.

    [3] Der vorliegende Aufsatz befasst sich mit dem Aspekt der Ankunft in London aus meinem größeren Teilprojekt »The London Moment«, gefördert als Freigeist-Nachwuchsgruppe von Seiten der VolkswagenStiftung an der Humboldt-Universität zu Berlin: &lt;https://exilegov.hypotheses.org&gt;.

    [4] Peter Gatrell, The Making of the Modern Refugee, Oxford 2013, S. 3.

    [5] Jessica Reinisch/Elizabeth White (Hg.), The Disentanglement of Populations. Migration, Expulsion and Displacement in Post-War Europe, 1944–9, Basingstoke 2011; Catherine Gousseff, Échanger les peuples. Le déplacement des minorités aux confins polono-soviétiques, Paris 2015.

    [6] Colin Holmes, British Government Policy toward Wartime Refugees, in: Martin Conway/José Gotovitch (Hg.), Europe in Exile. European Exile Communities in Britain, 1940–1945, New York 2001, S. 1-34, hier S. 13f.

    [7] Vgl. Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie [1922], Tübingen 1980, §16; Georg Jellinek, Allgemeine Staatslehre [1900], Berlin 1929, S. 114ff.

    [8] Neben den folgenden Ausführungen siehe auch Stefan Talmon, Recognition of Governments in International Law, with Particular Reference to Governments-in-Exile, Oxford 1998; Hersch Lauterpacht, Recognition in International Law [1947], Cambridge 2013; sowie für Performanz: Jürgen Martschukat/Steffen Patzold (Hg.), Geschichtswissenschaft und »performative turn«. Ritual, Inszenierung und Performanz vom Mittelalter bis zur Neuzeit, Köln 2003; darin insbes. Erika Fischer-Lichte, Performance, Inszenierung, Ritual. Zur Klärung kulturwissenschaftlicher Schlüsselbegriffe, S. 33-54.

    [9] In Ausweitung des »Moment«-Begriffs nach Erez Manela, The Wilsonian Moment. Self-Determination and the International Origins of Anticolonial Nationalism, New York 2007. Vgl. auch Sebastian Conrad/Dominic Sachsenmaier (Hg.), Competing Visions of World Order. Global Moments and Movements, 1880s – 1930s, New York 2007.

    [10] Mark Mazower, Hitler’s Empire. How the Nazis Ruled Europe, New York 2008.

    [11] Siehe u.a. Halik Kochanski, The Eagle Unbowed. Poland and the Poles in the Second World War, London 2012, Kap. 3; J.[ohn] Coutouvidis, Government-in-Exile. The Transfer of Polish Authority Abroad in September 1939, in: Review of International Studies 10 (1984), S. 285-296.

    [12] Mazower, Hitler’s Empire (Anm. 10), Chapter 5: Summer 1940; Patrik Salmon (Hg.), Britain and Norway in the Second World War, London 1995.

    [13] Dies zeigen die Beschreibungen aus den Reihen der Regierungen, aber auch andere Erinnerungen, etwa von Jan Karski oder Erik Hazelhoff Roelfzema.

    [14] Roger Kershaw/Mark Pearsall, Immigrants and Aliens. A Guide to Sources on UK Immigration and Citizenship, Kew 2000, 2. Aufl. 2004, S. 10.

    [15] Viele dieser Flüchtlinge blieben jedoch länger oder sogar für immer in Großbritannien.

    [16] Kershaw/Pearsall, Immigrants and Aliens (Anm. 14), S. 28-31.

    [17] Jeremy Seabrook, The Refuge and the Fortress. Britain and the Persecuted, 1933–2013, Basingstoke 2013, S. 19.

    [18] David Cesarani, The Internment of Aliens in Twentieth Century Britain, London 1993, S. 38ff.

    [19] Ebd., S. 44ff.

    [20] Holmes, British Government Policy (Anm. 6), S. 18 (zitiert Parliamentary Debates [Commons], vol. 361, 1939–1940, 23 May 1940, col. 298), S. 22 (zu Gerüchten).

    [21] Davon waren 63 Prozent Frauen und Kinder und die überwiegende Zahl flämischsprechend. Luis Angel Bernardo y Garcia/Matthew Buck, Belgian Society in Exile: An Attempt at a Synthesis, in: Conway/Gotovitch, Europe in Exile (Anm. 6), S. 53-65, Zitat S. 53, S. 54f.

    [22] Charmian Brinson/Richard Dove, A Matter of Intelligence. MI5 and the Surveillance of Anti-Nazi Refugees 1933–50, Manchester 2014, S. 144ff.

    [23] Françoise Raes, Female Belgian Refugees in Britain During the Second World War: An Oral History, in: Conway/Gotovitch, Europe in Exile (Anm. 6), S. 67-80.

    [24] Robert J. Beck, Britain and the 1933 Refugee Convention: National or State Sovereignty?, in: International Journal of Refugee Law 11 (1999), S. 597-624.

    [25] Ebd., S. 620.

    [26] Jochen Oltmer, Globale Migration. Geschichte und Gegenwart, München 2012, 2., überarb. und aktualisierte Aufl. 2016, S. 18f.

    [27] Archives Générales du Royaume (AGR) Bruxelles, Archives de Marcel Henri Jaspar, A.R. I 226, I 226 – 2047, Note upon the Urgent Necessity of the Recognition of the Belgian Government in London, 6.7.1940.

    [28] AGR, Archives des Cabinets du Premier ministre Hubert Pierlot à Londres, I 492 – 2, Le Gouvernement belge de Londres 1941–1943, 14: Press Clipping Manchester Guardian, 24.10.1940, Free Belgium.

    [29] So schrieb Pierlot persönlich an Churchill, um Unterstützung in Relief-Fragen zu erbitten. AGR, Archives des Cabinets du Premier ministre Hubert Pierlot à Londres, I 492 – 517, Correspondance avec British PM Churchill, 1942–1943. Siehe auch ebd., I 492 – 539, London Assembly of the League of Nations Union, 1942: Korrespondenz mit der London International Assembly, darunter auch direkt zwischen Viscount Cecil of Chelwood und Pierlot als Premierminister.

    [30] Isabella Löhr, Solidarity and the Academic Community. The Support of Networks for Refugee Scholars in the 1930s, in: Journal of Modern European History 12 (2014), S. 231-246.

    [31] Jay Winter/Antoine Prost, René Cassin and Human Rights. From the Great War to the Universal Declaration, Cambridge 2013, S. 152.

    [32] Archives Nationales (AN) Paris, Fonds René Cassin, 382 AP 27 Papiers personnels 1940–1945. Journal, v.a. 9.9.1940 und 10.3.1941.

    [33] So nahm Cassin auch an mehreren interalliierten Gruppierungen teil oder stand zumindest mit ihnen in Kontakt: AN Paris, Fonds René Cassin, 382 AP 66 Associations internationales alliées, 1940–1945, Doss. 2: Allied Circle; corr., invit., programmes, 1942–1944.

    [34] Polish Cabinet In England. From a Polish Correspondent, in: The Times, 22.6.1940, S. 6; verschiedene Artikel in: The Times, 10.7.1940, S. 3.

    [35] Polish Forces In Britain. From a Polish Correspondent, in: The Times, 26.6.1940, S. 5; »We March Together«. From a Polish Correspondent, in: The Times, 12.7.1940, S. 3.

    [36] Im Jahr 1940 waren die höchsten Posten: Sozialausgaben (£ 493.350),Militär (£ 150.350), Information und Dokumentation (£ 104.450) bei einem Gesamthaushalt von £ 1.352.940; im Jahr 1942 £ 801.360 für Soziales, £ 491.780 für Militär, £ 194.130 für Information/Dokumentation bei einem Haushalt von £ 3.010.270. Archiwum Akt Nowych (AAN) Warschau, 133 Ministerstwo Sprawiedliwości Rządu RP (emigracyjnego) w Londynie. 1940–1945; 133-95 Dziennik Ustaw Rzeczepospolitej Polskiej t 1: 1939–1945, Dz. Ust. RP Nr. 3, Londyn, dnia 14 czerwca 1941, 5 dekret prezydenta RP z dnia 21 maja o wydatkach o dochodach panstwowych na okres od 1 stycznia do 31 grudnia 1941.

    [37] Polish Institute and Sikorski Museum (PISM) London, A.12 Ambasada RP w Londynie, A.12/334/1-3 Audycje Polskie w BBC; A.12/341/3 Redakcja »Free Europe«.

    [38] Seine erste Radioansprache hielt er am 27. Juli 1940, übermittelt durch das Londoner Radio und abgedruckt im Dziennik Ustaw RP Nr. 11, Londyn, 27.7.1940, Dział Nieurzędowy.

    [39] Monarchien waren in London stark repräsentiert: neben den Niederlanden und Norwegen auch Griechenland und Jugoslawien, deren Staatsoberhäupter und Regierungen 1941 folgten. Luxemburg war ein Großherzogtum, dessen Regierungsmitglieder, nicht aber die Angehörigen des Hofes, nach London kamen. Belgien war ebenfalls Monarchie, aber ein besonderer Fall, wie im Abschnitt »Der Politiker« gezeigt. Der Gastgeber Großbritannien war natürlich auch eine Monarchie, vertreten durch George VI. Einzig Frankreich, Polen und die Tschechoslowakei waren reine Republiken.

    [40] Wilhelmina, Einsam und doch nicht allein (Anm. 1), S. 247.

    [41] Dutch Royal Family In London, in: The Times, 14.5.1940, S. 6.

    [42] Ebd.; Peoples’ Day of Prayer, in: The Times, 27.5.1940, S. 7.

    [43] Dutch Cabinet In London, in: The Times, 15.5.1940, S. 3.

    [44] Ebd.

    [45] Dutch Royal Family In London (Anm. 41, meine Übersetzung).

    [46] Chris Mann, The Norwegian Armed Forces in Britain, in: Conway/Gotovitch, Europe in Exile (Anm. 6), S. 153-166, hier S. 154.

    [47] King Haakon In London, in: The Times, 11.6.1940, S. 6.

    [48] »Although we are not vanquished we have given up resistance in order not to destroy the whole of North Norway. We must see the situation from the point of view of the Allies and the happenings on the Western Front, where the fate of the world is now being decided.« »Why Decision Was Taken«. From our correspondent. Stockholm, June 10th, in: The Times, 11.6.1940, S. 5.

    [49] Wilhelmina, Einsam und doch nicht allein (Anm. 1), S. 248.

    [50] King Peter In England. From our diplomatic correspondent, in: The Times, 23.6.1941, S. 2.

    [51] King George In London, in: The Times, 23.9.1941, S. 4.

    [52] Diplomatic Privileges (Extension) Bill [Lords]. HC Deb 20 February 1941 vol. 369 cc329-35, 329. Order for Second Reading read.

    [53] Siehe Durchschlag des britischen Bescheids in: AGR, Cabinet Pierlot, I 492 – 980, Principes, Brief des Cabinet du Ministère du Travail et de la Prévoyance Sociale an Pierlot als Premierminister, 31.12.1941.

    [54] Ebd., Rapport sur la Mise au Travail des Refugies belges se trouvant en Grande-Bretagne, 31.12.1941.

    [55] AGR, Cabinet Pierlot, I 492 – 921, Généralités, 1941–1944, Brief des Ministère des Affaires étrangères an Pierlot als Premierminister, 5.12.1941, zur rechtlichen Situation aller »fonctionnaires et agents actuellement au service, même temporaire, de l’État, en Grande Bretagne et qui ne sont pas admis au bénéfice de privilèges et immunités diplomatiques«; Sonderregeln hier beigelegt in Kopie vom 1.12.1941.

    [56] AGR, Cabinet Pierlot, I 492 – 921, Généralités, 1941–1944, Briefe von Halifax an Cartier de Marchienne, 19.12.1940, mit Hinweis auf Ausweitung der diplomatic privileges für alliierte Minister und besondere Ausnahmeregelungen für Regierungsangehörige, insbes. S. 4, S. 6, S. 9 (Autos), S. 10f. (Nahrungsmittel). Die Freizügigkeit in Bezug auf Kleidungscoupons wurde jedoch im Januar 1943 eingeschränkt, da diese Coupons anscheinend zu großzügig in Anspruch genommen worden waren. Laut einem Rundschreiben des Foreign Office standen ab dem 1.2.1943 »nur noch« 60 zusätzliche Marken über 14 Monate zur Normalration zur Verfügung. Brief FO, 30.1.1943, an Cartier als Ambassador.

    [57] AGR, Cabinet Pierlot, I 492-921, Généralités, 1941–1944, Diplomatic Privileges (Extension) Act, 1941. Liste vom 7.3.1941 und Brief vom 9.9.1941 vom Ministère des Affaires étrangères an Pierlot als Premierminister »exemplaire de la première liste publiée aux Gazettes Officielles de Londres, d’Edimbourg et de Belfast«.

    [58] Ebd., Briefe von Halifax an Cartier de Marchienne, 19.12.1940 (Anm. 56).

    [59] Czechoslovak Institute, The National Archives (TNA) Kew, BW 27/3.

    [60] Botschaft in Kensington Palace Gardens.

    [61] Botschaft am Grosvenor Square.

    [62] Wie etwa die niederländischen und belgischen Regierungen in unmittelbarer Nähe am Eaton Square.

    [63] Europe in Miniature, in: The Times, 1.3.1941.

    [64] Stephen Porter, Humanitarian Diplomacy after World War II: the United Nations Relief and Rehabilitation Administration, in: Robert Hutchings/Jeremi Suri (Hg.), Foreign Policy Breakthroughs. Cases in Successful Diplomacy, Oxford 2015, S. 21-46; Jessica Reinisch, Internationalism in Relief: the Birth (and Death) of UNRRA, in: Past &amp; Present 2010 (2011) Supplement 6, S. 258-289.

    [65] Laure Humbert, The French in Exile and Post-War International Relief, c. 1941–1945, in: The Historical Journal 61 (2018), S. 1041-1064; Jessica Reinisch, ›We Shall Rebuild Anew a Powerful Nation‹: UNRRA, Internationalism and National Reconstruction in Poland, in: Journal of Contemporary History 43 (2008), S. 451-476; Silvia Salvatici, ›Help the People to Help Themselves‹: UNRRA Relief Workers and European Displaced Persons, in: Journal of Refugee Studies 25 (2012), S. 428-451.

    [66] Matthew Frank, Making Minorities History. Population Transfer in Twentieth-Century Europe, Oxford 2017; Detlev S. Brandes, Großbritannien und seine osteuropäischen Alliierten 1939–1943. Die Regierungen Polens, der Tschechoslowakei und Jugoslawiens im Londoner Exil vom Kriegsausbruch bis zur Konferenz von Teheran, München 1988.

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