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    Hoffnung auf Erfolg

    <div id="zd_img_license">In Röszke, im Südosten Ungarns, überquerten im September 2015 täglich Tausende Menschen aus Syrien die serbische Grenze Richtung Ungarn. Das Foto zeigt aber Flüchtende, die sich nicht in Ungarn registrieren lassen wollten und nach Serbien zurückkehrten, um andere Migrationswege zu finden.(Foto: Erik Marquardt, &lt;https://erik-marquardt.de&gt;)</div><div id="zd_updated">2018-12-03T16:50:06+01:00</div><div id="zd_language">Deutsch</div>Eigenwillige Akteure
    Reibungsverluste und Eigenlogiken
    Motive – Mentalitäten – Handlungsspielräume
    Migration und Agency

    1. Eigenwillige Akteure
    Am 24. Januar 1942 erschien Dorothea Reith, zum damaligen Zeitpunkt 58 Jahre alt, beim Kriminaldauerdienst der Geheimen Staatspolizei in Stettin und brachte folgenden Sachverhalt zur Anzeige: »In unserer Drogerie, in der gleichzeitig eine Fotoabteilung besteht, wurde dieser Tage ein Rollfilm mit 16 Aufnahmen zur Entwicklung und Bildvergrößerung zur Fertigung je eines Abzuges in Auftrag gegeben. […] Von dem Auftrag habe ich erst erfahren, als ich die Negative und Abzüge sah, die mir im äußersten Grade verdächtig erscheinen. Es sind anscheinend Gefangenenlager-Aufnahmen, wobei ein baumelnder (– erhängter –) Zivilist zu sehen ist. Da unter Umständen staatsschädigender Mißbrauch mit den Bildern getrieben werden kann und auch die Person des Auftraggebers zweifelhaft ist, habe ich mich veranlaßt gesehen, die Angelegenheit der Geheimen Staatspolizei zu weiterem Befinden anzuzeigen.«[1]
    Der Akte liegen sechzehn Fotos bei, die Frau Reith mitgebracht hatte, als sie die Gestapo aufsuchte. Die als »verdächtig« bezeichneten acht Motive bilden ganz offensichtlich eine Serie, sie sind in relativ kurzen Zeitabständen aufgenommen und dokumentieren Erhängungen von Zivilisten. Die Sequenz zeigt aus einer Entfernung von circa 30 Metern mehrere Momentaufnahmen. Andere Fotos bilden die bereits erhängten Personen aus unmittelbarer Nähe ab, wobei es sich um zwei verschiedene Opfer handelt. Die Ermittlungen der Gestapo ergaben, dass der an der Ostfront eingesetzte Wehrmachtssoldat Georg Werner den Film an die Zeugin Christine Lützig mit der Bitte um Entwicklung und Rücksendung per Feldpost geschickt hatte. Die Gestapo stellte daraufhin – wie in solchen Fällen üblich – die Ermittlungen ein.
    Aus dem gesamten Vorgang wird deutlich, dass die Zeugin Reith wegen der in ihrer Drogerie entwickelten Aufnahmen erheblich beunruhigt und irritiert war. Möglicherweise eher intuitiv als bewusst hatte sie das Gefühl, mit diesen Fotos stimme etwas nicht. Ihre Anzeige lässt sich unterschiedlich deuten – sie kann auch als Versuch verstanden werden, die 1942 brisante Frage zu stellen, ob das, was auf den Fotos zu sehen ist, wirklich »in Ordnung geht«, wie es im Protokoll heißt. Nehmen wir den nicht unwahrscheinlichen Fall an, die Fotos zeigten völkerrechtlich relevante Kriegsverbrechen, dann ergäbe sich daraus die absurde Situation, dass die Drogeriebesitzerin bei der Geheimen Staatspolizei eine Tat zur Anzeige brachte, die staatlicherseits initiiert und durchgeführt worden war. Zugespitzt formuliert: Dorothea Reith denunziert bei der Gestapo einen Täter, der ihr im übertragenen Sinne leibhaftig gegenübersitzt.
    Es sind Beispiele wie dieses, die die Forschung zur Alltagsgeschichte des Nationalsozialismus dazu angeregt haben, den von Alf Lüdtke 1986 vorgeschlagenen Terminus Eigen-Sinn als eine Untersuchungsperspektive zur Systematisierung und Deutung individueller Verhaltensweisen in (zumeist autoritären) Herrschaftsverhältnissen zu etablieren – Eigen-Sinn »denoting willfulness, spontaneous self-will, a kind of self-affirmation, an act of (re)appropriating alienated social relations on and off the shop floor by self-assertive prankishness, demarcating a space of one’s own«.[2] Lüdtke hatte Eigen-Sinn in die Debatte über Industriearbeit, Kapitalismus und Arbeiterkultur eingebracht und damit die oftmals widersprüchlich erscheinenden Verhaltensweisen von Fabrikarbeitern im Kaiserreich konzeptionell zu fassen versucht. Seither ist Eigen-Sinn als Untersuchungsperspektive auch in anderen Forschungsfeldern angewandt worden, vor allem um »Herrschaft als soziale Praxis« in diktatorischen Systemen besser beschreiben zu können – und häufig mit der für die 1980er-Jahre typischen Intention, historische Subjekte zum Sprechen zu bringen, deren Geschichte und Geschichten ansonsten niemand erzählt. Die analytische Verklammerung von individuellen Aneignungsprozessen, sozialen Gruppendynamiken und gelebten Herrschaftsverhältnissen machte das Konzept Eigen-Sinn für unterschiedliche Forschungskontexte interessant. Neben den Arbeiter-Erfahrungen im Fabrikalltag um 1900 gehörten vor allem die weder signifikant widerständigen noch durchgängig regimekonformen Handlungsweisen durchschnittlicher Deutscher während der NS-Zeit sowie die alltäglichen Herrschaftsbeziehungen in der DDR zu den bevorzugten Anwendungskontexten.[3] Was in anderen Forschungszusammenhängen eher als begriffliche Unschärfe ausgelegt wird, schien nun von Vorteil zu sein: Das Konzept Eigen-Sinn lebt von seiner dezidierten Mehrdeutigkeit, indem die Ambivalenzen der gelebten und erlittenen Ordnungsverhältnisse nicht einseitig aufgelöst werden, sondern die Deutungspotentiale der praktizierten Herrschaftsbeziehungen im Zentrum der Analyse stehen. Wie ergiebig ist es, ein solches Konzept noch in andere Forschungskontexte zu transferieren? Und mit welchen Schwierigkeiten muss man rechnen, wenn Eigen-Sinn etwa auch zur Interpretation von Migrations- und Fluchtgeschichten herangezogen wird?
    2. Reibungsverluste und Eigenlogiken
    Bereits das Grimm’sche Wörterbuch kennt 1862 mehrere Bedeutungen des Wortes Eigensinn, zum einen bezogen auf Personen und Zustände, aber ebenso zur Beschreibung einer Art Sozialfigur. Offenkundig ist dabei der ambivalente Charakter des Eigensinnigen: Mal drückt sich darin eine Würdigung seines mutigen, unerschrockenen Verhaltens aus, mal wird damit aber auch eine »Unart« bezeichnet, die sozial auffällt, die aus der Reihe tanzt, die als anstößig und widerborstig empfunden wird.[4] Im pädagogisch-politischen Diskurs des 18. und 19. Jahrhunderts galten die Besitzlosen als besonders anfällig für den grassierenden Eigensinn, der alsbald zu disziplinieren sei, während Georg Wilhelm Friedrich Hegel 1807 im Eigen-Sinn ein Moment von Freiheit zu entdecken meinte, allerdings eine Freiheit, »welche noch innerhalb der Knechtschaft stehenbleibt«.[5] Im Kräftefeld von Herrschaft und Freiheit zielt Eigen-Sinn auf Distanz gegenüber obrigkeitsstaatlichen Zumutungen, ohne die konkreten Herrschaftsordnungen an sich in Frage zu stellen. Es handelt sich um ein Phänomen, für das Bezeichnungen wie Widerstand, Resistenz oder Abwehr nicht recht zutreffen, denn es geht um situative Distanzierungen, um Augenblicke des »Bei-sich-selbst-Seins«,[6] um Eigenlogiken der Verweigerung, der Zuarbeit, der Vorteilsnahme, des Hinnehmens und Wegschauens. Eigen-Sinn rekurriert auf die Grundprämisse, »dass Herrschaft nie genau so funktioniert, wie sich das die Herrschenden im optimalen Fall wünschen«.[7] Das Konzept steht für den »Interaktionscharakter jedweder Herrschaftspraxis« sowie für dessen »intrinsische Reibungsverluste«.[8] Dabei ist entscheidend, dass Eigen-Sinn über keine moralisch eindeutige Grundausstattung verfügt. Das Forschungskonzept rückt vielmehr das Handeln von Akteuren in gelebten Herrschaftsverhältnissen in den Mittelpunkt.
    In der Konsequenz bedeutet ein solches Verständnis von Eigen-Sinn, dass sehr viele verschiedene, auch widersprüchliche Verhaltens- und Handlungsweisen darunter gefasst werden. Nach Aussage bekennender Alltagshistoriker kommt das Konzept »für jeden Untersuchungsgegenstand, in dem das Soziale eingeschlossen ist, in Frage«.[9] Diese Vielfalt könnte auch als Beliebigkeit ausgelegt werden. Verfliegt erst einmal der Reiz des Uneindeutigen, dann beschleichen selbst den geneigten Forscher gewisse Zweifel: Wie müssen Verhaltensweisen und Handlungen eigentlich beschaffen sein, die nicht dem mittlerweile viel zitierten Eigen-Sinn entsprechen? Und wenn damit weder Konformität noch Widerstand gemeint ist, welche Normativität steckt dann in diesem Konzept? Liegt das theoretische Problem vielleicht weniger im Eigen-Sinn der individuellen Verhaltensweisen als im Handlungsbegriff selbst?
    Wenn man das Beispiel der Drogeriebesitzerin Dorothea Reith nimmt, dann wird anschaulich, wie komplex die Dinge liegen. Die Geschichte lässt sich nämlich sehr unterschiedlich deuten: Zum einen könnte Frau Reith zur Gestapo gegangen sein, weil sie annahm, dass die auf den Fotos abgebildeten Erhängungen rechtswidrig waren, und sie sich selbst und andere Beteiligte vor »staatsschädigendem Mißbrauch« der Bilder schützen wollte. Zum anderen könnte es ihr aber auch um die Denunziation eines in den Akten als ausländisch charakterisierten Kunden gegangen sein, der die Filmentwicklung angeblich in Auftrag gegeben hatte. Die Anzeige bezöge sich dann nicht primär auf das im Bild festgehaltene Ereignis und auch nicht in erster Linie auf die Fotoserie, sondern auf den mysteriösen Auftraggeber in der Drogerie. Oder Frau Reith hatte doch den beunruhigenden Gedanken, Wehrmachtssoldaten könnten im Osten an Kriegsverbrechen beteiligt sein, ohne dass der Staat (bzw. der »Führer«?) von solchen Vorkommnissen Kenntnis hatte. Die Fotos ließen offensichtlich einen Verdacht aufkommen; sie warfen Fragen auf, die 1942 nicht direkt gestellt werden konnten und auf die die Zeugin keine befriedigende Antwort wusste. Ihre Motive, die sie dazu veranlassten, Anzeige bei der Gestapo zu erstatten, bleiben aufgrund der genrebedingten Überformung ihrer mündlichen Aussage allerdings uneindeutig. Handelte Frau Reith also im hier diskutierten Sinne eigensinnig? Wie können wir über individuelle Verhaltens- und Handlungsweisen sprechen, wenn es kaum Zugänge zu den jeweils leitenden Motiven gibt? Wann ist eine Handlung durchschnittlich oder erwartungskonform, und wann ist sie eher eigenwillig oder außergewöhnlich? Und liegen diesen Bewertungen zeitgenössische oder heutige Erwartungen zugrunde? Welche Kriterien sollen für die als eigensinnig geltenden Zuschreibungen ausschlaggebend sein?
    3. Motive – Mentalitäten – Handlungsspielräume
    Motivforschung will Ursachen für bestimmte Handlungen ausmachen und damit auf die Frage nach dem Warum antworten. Motive sind insofern immer verursachend, da es keine Handlung ohne Willensentschluss gibt. Mit dem Motiv meinen wir das, was den Handelnden antreibt, was ihn überhaupt erst handeln lässt. Das Motiv macht ihn zum Urheber der Tat, für die er dadurch verantwortlich wird. Oft wird nicht präzise zwischen Motiven und Handlungsbedingungen unterschieden. Letztere markieren die Rahmung eines Geschehens, während das Motiv eine akteurszentrierte Kategorie ist, die Aufschluss über die Gründe des Tuns verspricht. Das wohl entscheidende Problem der Motivforschung ist die Nachträglichkeit. Selbst wenn wir über ein breites Spektrum sogenannter Ego-Dokumente wie Briefe, Tagebücher, Memoiren etc. verfügen, haben wir es in der Regel mit früher oder später formulierten Selbstzuschreibungen zu tun.[10] Denn obgleich das Motiv eine der jeweiligen Handlung zeitlich vorgelagerte Kategorie ist, kann sie wissenschaftlich meist nur retrospektiv in den Blick genommen werden. Selbstzuschreibungen – so hat es Jan Philipp Reemtsma einmal formuliert – sind indes keine Handlungsbestandteile, sondern Teile von nachträglichen Legitimationsdiskursen.[11] Sie unterliegen Mechanismen individueller Selbstthematisierung, insbesondere auch Mustern autobiographischer Sinngebungen.[12]
    Mehr noch als die Suche nach Motiven dient der Mentalitätsbegriff als Erklärungsmodell für individuelle Verhaltensweisen. Mentalitätsforschung will kollektive Dispositionen des Handelns identifizieren, die als vorgelagerte Strukturbedingungen verstanden werden. Wissenschaftsgeschichtlich mit der Annales-Schule verknüpft, thematisiert Mentalitätsgeschichte mit ihren teils eher sozialpsychologischen, teils eher lebensweltlich-kulturgeschichtlichen Ansätzen die sogenannte »dritte Ebene« (neben »Ökonomie« und »Gesellschaft«).[13] Gruppenspezifische Verhaltensweisen, Weltsichten, Vorstellungen und Emotionen gehören zu ihren zentralen Gegenständen. Als Sammelbegriff zur Beschreibung eines behaupteten oder angenommenen Verhaltenspotentials soll Mentalität den Zusammenhang von Denksystemen und sozialem Handeln erklären, was allerdings gravierende Folgen haben kann: Kollektive werden im Mentalitätsdiskurs allzu leicht zu Handlungssubjekten mit eigener Anatomie und Psyche. Oder Sinnkonstruktionen und Deutungsmuster, die im Einzelnen zu untersuchen wären, avancieren kurzerhand zu Eigenschaften einer Gruppe und ihrer Mitglieder. Mentalitäten, die Verhaltensweisen erklären sollen, werden dann aus ebensolchen rekonstruiert, und das (keineswegs geklärte) Verhältnis zwischen individueller Handlungskompetenz und überindividuell wirkenden Mustern bleibt weitgehend nebulös. Die Mentalitätsforschung verheddert sich in zirkulären Erklärungsversuchen.
    Das Konzept Eigen-Sinn versucht dem Dilemma einer zuweilen spekulativen Motivforschung und den eher behaupteten als nachweisbaren Kollektivmentalitäten dadurch zu entkommen, dass der Blick auf die handelnden Akteure gerichtet wird. Damit ist vor allem das beschrieben, was landläufig unter Agency verstanden wird. Agency bezeichnet die Fähigkeit, im Kontext von gegebenen Herrschafts- und Ordnungszusammenhängen, wahrgenommenen Situationslogiken und subjektiv generierten Handlungsoptionen zielorientierte Entscheidungen zu treffen und das eigene Verhalten auf die Realisierung dieser Handlungsentscheidungen auszurichten.[14] Es existieren verschiedene Theorieangebote, die menschliches Handeln in diesem Sinne modellhaft zu begreifen versuchen. Die meisten Theoretiker, so beispielsweise auch Vertreter des Rational-Choice-Ansatzes, räumen zwar ein, dass Menschen nicht nur rational handeln, sie halten aber die unterstellte Nutzenmaximierung für eine plausible Grundannahme, mit der situative Handlungslogiken erfassbar werden. Doch Handlungsabläufe folgen keinem Automatismus. Um der Gefahr zu entgehen, individuelle Handlungen nach bestimmten Rastern zu schematisieren, hat der niederländische Anthropologe Rod Aya die Theorie des rationalen Handelns um einen zusätzlichen Aspekt erweitert. Die Akteure wählen seiner Meinung nach diejenigen Handlungsoptionen aus, mit denen sie eine Hoffnung auf Erfolg verbinden – unabhängig davon, ob sich diese Hoffnung später als gerechtfertigt oder illusorisch erweist. Im Moment der Entscheidung sei die subjektive Hoffnung auf Erfolg der entscheidende Kausalmechanismus.[15] Bei komplexen Handlungssequenzen geht das Ergebnis einer Handlungsentscheidung dann in die nachfolgende Situationswahrnehmung ein, und so »führt eine kontingente Handlung zur nächsten«.[16]
    Statt über Motive, Mentalitäten und Handlungsrationalitäten zu spekulieren, scheint es vielversprechender zu sein, die Handlung selbst in den Blick zu nehmen. Handlung ist als Bewegung zu verstehen, die von einer inneren Erfahrung begleitet wird.[17] Die Bewegung erlebt der einzelne als Verwirklichung einer Möglichkeit unter anderen. Handlungsspielraum ist daher Bewegungsspielraum. Hierin liegt der Kern menschlicher Freiheit. Die Bedingungen, unter denen jemand entscheidet und handelt, machen ihn nicht unfrei, sondern sie sind Voraussetzungen seiner Freiheit. Handlungstheoretische Konzepte konzentrieren sich auf individuelle Entscheidungsmöglichkeiten, situative Bewegungsspielräume und tradierte Verhaltensvarianten.[18] Handlungen sind eben nicht eindimensional, jedoch offensichtlich stark davon bestimmt, wie der Handelnde meint, seine keineswegs immer rationalen, aber stets individuellen Ziele erreichen zu können.[19] Durch die damit verbundene Bedeutungs- und Sinnzuschreibung konkretisiert sich, wie ein Akteur eine bestimmte Situation wahrnimmt, wie er sie sich aneignet und sie deutet. Ob als bewusste Entscheidung oder spontane Reaktion: Der Handelnde richtet sein Verhalten danach aus, wie er den Handlungskontext verstanden hat und was seiner Erfahrung nach zu tun ist, um die gesetzten Ziele realisieren zu können.
    Handlungstheoretische Ansätze berühren zugleich die Frage, welches Verhalten zu welchem Zeitpunkt und in welcher Situation als angemessen, erwartbar oder außergewöhnlich beurteilt wird – womit wir erneut zum Eigen-Sinn-Konzept zurückkehren. Bei genauerer Betrachtung ist die Unterscheidung zwischen einer zu analysierenden Handlung an sich und derjenigen, die als eigenwillig gilt, wenig plausibel. Jede Handlungsentscheidung ist theoretisch gesehen eigensinnig, weil sie auf der subjektiven Einschätzung der Handlungssituation beruht und sich mit ihr individuelle Hoffnungen auf Erfolg verbinden, selbst wenn sie von außen konform oder zumindest erwartbar wirkt. Eigen-Sinn als Forschungskonzept steht deshalb in der Gefahr, nachträgliche Zuschreibungen über bestimmte Verhaltensweisen zu liefern, die weniger über die historische Handlungskonstellation aussagen, sondern eher auf die normative Rahmung der Forschungsperspektive und ihre Beurteilungskriterien von Verhaltens- und Handlungsformen verweisen. Das analytische Problem lässt sich nicht dadurch lösen, bestimmte Handlungen als eigensinnig zu klassifizieren, sondern die konzeptionelle Schwierigkeit liegt darin, über entsprechende Quellen zu verfügen, die unabhängige Aussagen über individuelle Erfolgshoffnungen erlauben. Das Quellendefizit ist ein grundsätzliches Problem, das sich auch für den Transfer des Eigen-Sinn-Konzeptes in die Flucht- und Migrationsforschung als relevant erweist.
    4. Migration und Agency
    In ihrem Buch »Empire« definieren Michael Hardt und Antonio Negri globale Migrationsbewegungen als widerständige Phänomene in der Postmoderne: »Ein Gespenst geht um in der Welt, und sein Name ist Migration.« Trotz erheblicher Anstrengungen gelinge es nicht, das »unstillbare Verlangen nach Bewegungsfreiheit« unter Kontrolle zu bringen; selbst die mächtigsten Staaten scheiterten am globalen Migrationsdruck. Desertion und Exodus seien »machtvolle Formen des Klassenkampfes in der imperialen Postmoderne«.[20] Migration wird in diesem Weltordnungsentwurf einerseits zum Objekt von globalen, am kapitalistischen Arbeitskräftebedarf justierten Regulierungsversuchen, andererseits sehen Hardt/Negri in Migrationsprozessen soziale Bewegungen, die sich mittels grenzüberschreitender Mobilität der herrschaftlichen Durchdringung entgegenstellen, die vom imperialen Kapitalismus ausgehe. Dieser am neomarxistischen Operaismus orientierte Entwurf des als New Empire verstandenen globalen Kapitalismus gehört zu den konzeptionellen Referenzrahmungen einer seit mehreren Jahren diskutierten »Autonomie der Migration«.[21] Dabei legen ihre Vertreter/innen vor allem Wert darauf festzustellen, was nicht unter ihrem Leitbegriff zu verstehen sei.[22] Denn entgegen der liberalen Auffassung, die individuelle Autonomie mit Selbstbestimmung und Unabhängigkeit gleichsetze, also im weitesten Sinne autonom handelnde Subjekte meine, beschreibe der Terminus »Autonomie der Migration« ein tendenziell unauflösbares Konfliktverhältnis, das »durch migrantische Praktiken der Aneignung im Grenzregime initiiert« werde.[23] Im Kontext globaler Grenzregime, die darauf zielten, unerwünschte Migrationen im Vorfeld zu verhindern, ergebe ein Verständnis von Autonomie »als vollständiger ›Selbstregierung‹ oder ›Unabhängigkeit‹ gegenüber Versuchen der Regulation und Kontrolle schlichtweg keinen Sinn«.[24] Um dem Vorwurf zu begegnen, eine mit dem Begriff der Autonomie operierende Migrationsforschung verharmlose und romantisiere das von Gewalt, Zwang und Ausbeutung beherrschte globale Migrationsgeschehen, wird herausgestellt, dass es hier keineswegs um die Autonomie von Migranten, sondern um die »Autonomie von Migration« gehe. Dieser Anspruch zielt auf einen Perspektivwechsel, mit dem die in der Öffentlichkeit vorherrschenden Stereotype durchbrochen werden sollen und sich die »Kämpfe der Migration« in den »Praktiken der Subjekte« konkretisieren.[25]
    Nicht alle, die sich diesem als »forschungs-aktivistisch«[26] verstandenen Arbeitsgebiet zurechnen, ziehen eine konsequente Trennlinie zwischen Migration als globalem Prozess und den Praktiken der Migrant/innen. Da Letztere nicht einfach nur Opfer von gewaltsamen Grenzregimen seien, so einige Forschungsaktivisten, müsse man einbeziehen, »dass Handlungsspielräume auch unter Bedingungen der Entrechtung existieren, wenngleich diese immer erkämpft werden müssen«.[27] Unter »Autonomie« fallen nach solchem Verständnis nicht nur Widerstandspraxis und Netzwerkbildung, sondern es wird auch explizit die »Eigensinnigkeit von Migrationsprozessen« betont.[28] Die Ambivalenz von intendierten und nichtintendierten Folgen der Migration, das Spannungsverhältnis von erlittener Ausbeutung und erhoffter Rettung, das Recht auf Flucht sowie die vielfältigen Formen der Solidarität, der Hilfe und des gegenseitigen Schutzes seien charakteristisch für Handlungssituationen, in die Migranten nahezu zwangsweise gerieten.[29] Eigen-Sinn ziele in diesen Zusammenhängen darauf, »die Bedeutung (illegalisierter) Migration im Kontext postfordistischer Produktionsverhältnisse« herauszustellen, die »Transformation von Staatlichkeit« durch globale Migrationsprozesse zu markieren sowie Migranten als »AkteurInnen im Migrationsregime« zu zeigen.[30] Migranten, denen das »Recht auf Reisen« verweigert werde, greifen demnach auf zirkulierendes Wissen zurück, das es ihnen ermögliche, die nicht lückenlos kontrollierbaren Grenzen beispielsweise der Europäischen Union zu überwinden. Hierbei handele es sich um eigensinniges Verhalten, auch wenn zu berücksichtigen bleibe, unter welchen erschwerten Bedingungen illegale Migration generell stattfinde.
    Die strikte Abgrenzung zu einem als »liberal« bezeichneten Autonomiekonzept erweist sich für diesen Forschungsansatz als konstitutiv. Dafür wird ein autonom handelndes Subjekt als Kernelement liberalen Denkens konstruiert, das sich in dieser simplen Form in keiner wissenschaftlichen Handlungstheorie mehr findet. Handlungsbedingungen – unabhängig davon, wie sie beschaffen sind – schränken die Freiheit individueller Entscheidungen nicht ein, sondern sie sind ihre Voraussetzungen. Jede Handlung ist frei, wenn sich der oder die Handelnde so oder auch anders entscheiden könnte, selbst dann, wenn sich die Protagonisten komplexen, autoritären oder gewalthaften Herrschaftsordnungen gegenübersehen. Alles andere hieße, vorab normativ definieren zu müssen, wer unter welchen Bedingungen autonom und damit für seine Handlungen verantwortlich handelt. Handlungsspielräume auszuloten impliziert indes keineswegs, bestehende Zwänge und die daraus möglicherweise resultierenden Drucksituationen auszublenden. Zwar gilt nach diesem Verständnis jede Handlungsentscheidung als frei, es gibt aber je nach Handlungskontext unterschiedlich große und manchmal eben auch bedrückend kleine Spielräume. Die Frage ist nicht, ob jemand autonom, eigensinnig oder unterwürfig handelt, sondern welche Handlungsoptionen existieren, welche wahrgenommen, angeeignet oder geltend gemacht werden können.
    Der Arbeitszusammenhang »Autonomie der Migration« ist von einem differenzierten Verständnis handlungstheoretischer Konzepte weit entfernt. Das konstatierte Konfliktverhältnis zwischen Migranten und den Instanzen staatlicher Grenzkontrolle wird in erster Linie normativ definiert: Ohne zwischen Mobilität, Migration und Flucht zu differenzieren, sieht diese Perspektive in jeglicher Regulierung grenzüberschreitender Migration einen Verstoß gegen das geforderte Grundrecht auf Bewegungsfreiheit. Folglich illegalisieren restriktive Grenzregime globale Migrationsbewegungen, erzwingen immer riskantere Formen der Grenzüberwindung und provozieren dadurch Konflikte, Eigen-Sinn und Widerstand. Migrant/innen wiederum handeln nach dieser Wahrnehmung weder autonom noch eigenverantwortlich, sondern »sie sind es, die Migrations- und Grenzregime zu einem Terrain von politischen Kämpfen um die graduelle Verweigerung und direkte Aneignung von Mobilität und anderen Ressourcen machen«.[31] Die Analyse individueller Migrationspraktiken wird von Hardlinern als »naiver Empirismus des Subjekts«[32] entwertet, der eine Analyse des Grenzregimes aus der Perspektive der Migration mit einer Untersuchung migrantischer Subjektivität verwechsle. Agency ist hier funktional auf die als widerständig ausgegebenen Handlungen gegenüber staatlichen Kontrollinstanzen reduziert. Eigene Interessen von Migranten, ihre Strategien und Taktiken auf und nach der Flucht, ihre Beweggründe, Hoffnungen, Partizipationswünsche und Ansprüche bleiben nebulös beziehungsweise interessieren nur als Ausdruck ihres dezidierten Eigen-Sinns gegenüber herrschenden Zwangssystemen. Im Ergebnis homogenisiert diese Forschungsperspektive Migrant/innen unter einem strukturellen Autonomiebegriff, in dem die Bandbreite der rechtlich, sachlich, politisch wie auch sozial differenten Migrationskontexte ausgeklammert bleibt. Migranten werden zu Angehörigen eines imaginierten Kollektivs, dessen Verhaltens- und Handlungsformen als Widerstandspraxis gegen Herrschafts-, Regulierungs- und Ausbeutungssysteme pauschal ideologisiert werden.
    Nicht überall, wo Autonomie oder Eigen-Sinn draufsteht, ist also auch Agency drin. Aber ist es angesichts eskalierender Bürgerkriege, wiederkehrender Hungersnöte, politischer Massenverfolgung und grassierender Armut in der Welt tatsächlich zu rechtfertigen und wissenschaftlich auch sinnvoll, Menschen vor, während und nach ihrer Migration als verantwortlich Handelnde in die Analyse globaler Migrations- und Fluchtprozesse einzubeziehen? Die internationale Migrationsforschung hat diesen Schritt längst vollzogen, allenfalls in Deutschland ist man da zögerlicher. Dass es Migration historisch gesehen schon immer gegeben habe, gehört hierzulande zu den ebenso beliebten wie belanglosen Wahrheiten einer Forschungsdebatte, in der Migranten eher als passive Opfer der in ihren Herkunftsländern herrschenden Lebens-, Arbeits- und Gewaltverhältnisse dargestellt werden. Nicht nur die sehr unterschiedlichen Rechtspositionen, die sich aus den jeweiligen Herkunftskontexten der Migrant/innen ergeben, fallen dabei unter den Tisch; auch ihre Ressourcen, Gestaltungskräfte und Konsumansprüche werden wissenschaftlich kaum differenziert. Die Bandbreite der migrationsauslösenden Faktoren wird oftmals reduziert auf kriegs- und verfolgungsbedingte Fluchtbewegungen, während internationale Forschungen darauf verweisen, dass es ansonsten vor allem die Perspektivlosigkeit in den Herkunftsländern und Flüchtlingslagern ist, die die meist jungen Männer hoffen lässt, dass ihnen eine Migration nach Europa eine bessere Zukunft ermöglicht. Agency sucht man im Diskurs über steigende Flüchtlingszahlen, umstrittene Verteilungsquoten, anwachsende Schleuserkriminalität und europäische Asylgesetzgebung häufig vergeblich, und zwar nicht nur hinsichtlich der zur homogenen Gruppe stilisierten Migrant/innen, sondern auch bezüglich anderer, für die »Flüchtlingskrise« nicht weniger zentraler Handlungsträger (wie Grenzbeamte, Schleuser, Helfer in Flüchtlingslagern, Seenotretter, Angehörige der Küstenwache etc.). Der Migrationsdiskurs scheint mittlerweile derart ideologisiert zu sein, dass international anerkannte Wissenschaftler/innen verwundert konstatieren, vor allem in Deutschland weigere man sich, kritische oder abweichende Forschungsmeinungen zur Kenntnis zu nehmen.[33]

    In Röszke, im Südosten Ungarns, überquerten im September 2015 täglich Tausende Menschen aus Syrien die serbische Grenze Richtung Ungarn. Das Foto zeigt aber Flüchtende, die sich nicht in Ungarn registrieren lassen wollten und nach Serbien zurückkehrten, um andere Migrationswege zu finden.
    (Foto: Erik Marquardt)

    Wie könnte nun ein akteurszentrierter Ansatz in der Migrations- und Flüchtlingsforschung aussehen? Theoretisch wäre neben den klassischen Angeboten wie Agency und Rational Choice auch eine Rückbindung an die von Michel de Certeau entwickelten Konzepte sinnbildender Praktiken im Raum denkbar, die er unter anderem am Beispiel des Flanierens als eine raum- und damit zugleich sinnregulierende »Rhetorik des Gehens« entworfen hat.[34] Ausgehend von der Beobachtung, dass jede Bewegung im Raum eine spezifische Äußerung darstellt, die regulierende Systeme ebenso sichtbar macht, wie sie auf die individuellen oder kollektiven Aneignungen von Räumen verweist, interessiert de Certeau im Zusammenspiel von struktureller und situativer Ebene vor allem die Genese räumlicher Praktiken. Jede räumliche Ordnung umfasst demnach eine Reihe von Möglichkeiten und Verboten, die durch die Bewegung im Raum aktualisiert werden. Markierte Wege und Plätze regulieren Bewegungen, Mauern und Zäune be- oder verhindern ein Fortkommen. Der Gehende verhilft diesen Ordnungselementen »zur Existenz und verschafft ihnen eine Erscheinung«. Gleichzeitig kann er sie aber auch verändern, indem er neue Möglichkeiten der Raumbewältigung erfindet oder erprobt, »da er durch Abkürzungen, Umwege und Improvisationen auf seinem Weg bestimmte räumliche Elemente bevorzugen, verändern oder beiseite lassen kann«.[35] Indem eine Auswahl unter den Signifikanten der räumlichen Sprache vorgenommen wird und sie so modifiziert werden, entstehen ebenso wie in der Sprache neue (Rede-)Wendungen. Im Mittelpunkt dieser Untersuchungsperspektive stünde dann – so könnte man es auf den hier diskutierten Zusammenhang übertragen – die mit Migration bezeichnete Art und Weise des In-der-Welt-Seins.
    Es geht also nicht nur um die Frage, welche Praktiken der räumlichen Aneignung im Migrationsprozess überwiegen oder zu beobachten sind, sondern darüber hinaus ist zu analysieren, was diese räumlichen Äußerungen, die rhetorischen Raumfiguren – wie de Certeau sie bezeichnet – jeweils produziert. Welche Konstellationen, Bedingungen und Umstände bringen die zu beobachtende Raumrhetorik hervor? Wie ist das Ineinandergreifen von globalen Migrationsregimen, nationalen Grenzordnungssystemen, situativen Einflussgrößen und individueller Handlungsmacht fassbar? Während de Certeau einerseits Strategien und Taktiken als raumaneignende Handlungspraktiken versteht, die sich vor allem durch ihre differierende Handlungsmacht voneinander unterscheiden, identifiziert er andererseits die Interdependenzen zwischen strukturellen Bedingungen, situativen Dynamiken, habituellen Ausprägungen und konkreten Handlungspraktiken im sozial codierten Wissenserwerb. Der Erwerb von Wissen liefert die Vermittlung zwischen den Strukturen, die ihn organisieren, und den Dispositionen, die er produziert.[36] Im Kern wäre also zu prüfen, wie Migrationswissen im historischen Kontext erworben wird, wer es wie strukturell prägt, wer es sich unter welchen medialen Umständen aneignet, und wie sich dieses Wissen schließlich zu einem ebenso globalen wie situativen Bedingungsgefüge verdichtet, das in der Folge wiederum spezifische Migrationspraktiken in Form räumlicher Artikulationen hervorbringt.
    Die Herausforderung besteht somit in einer reflektierten Verbindung von historischer Wissens- und Migrationsforschung.[37] Darin könnte die Chance liegen, die oftmals eindimensionale Wahrnehmung von Migrant/innen als Opfer restriktiver Grenzregime aufzubrechen, denn sie blockiert tendenziell eher Erkenntnismöglichkeiten, als dass sie neue eröffnet. Wenn ein Konzept wie Eigen-Sinn dazu beitragen würde, die verengten Perspektiven auf Migrationsregime zu erweitern, wäre das nur zu begrüßen. Allerdings spricht die bisherige Inanspruchnahme des Begriffes dafür, doch eher auf andere handlungstheoretische Konzepte wie die Analyse von individuellen und kollektiven Handlungsspielräumen zurückzugreifen oder einer an die Arbeiten von de Certeau angelehnten und auf globale Migrationsbewegungen zugeschriebenen »Rhetorik des Wanderns« zu folgen. Eines zeichnet sich indes jetzt schon ab: Ohne eine stärkere und theoretisch durchdachte Berücksichtigung akteurszentrierter Konzepte wird die Migrationsforschung zentrale Aspekte ihres Gegenstandes weiterhin nur oberflächlich erfassen können.

    Anmerkungen:

    [1] Vgl. Museum des Großen Vaterländischen Krieges in Minsk, Archiv, Gestapo Stettin, Akte Lützig, Sign. 503-1-100.

    [2] Alf Lüdtke, Glossary, in: ders. (Hg.), The History of Everyday Life. Reconstructing Historical Experiences and Ways of Life. Translated by William Templer, Princeton 1995, S. 313f.

    [3] Vgl. zusammenfassend: Thomas Lindenberger, Eigen-Sinn, Herrschaft und kein Widerstand, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 2.9.2014; Belinda Davis/Thomas Lindenberger/Michael Wildt (Hg.), Alltag, Erfahrung, Eigensinn. Historisch-anthropologische Erkundungen, Frankfurt a.M. 2008.

    [4] Art. »Eigensinn«, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, 16 Bde. in 32 Teilbänden, Bd. 3, Leipzig 1862, Sp. 100f.

    [5] Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes [1807], in: ders., Werke, Bd. 3, hg. von Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel, Frankfurt a.M. 1979, S. 154.

    [6] Alf Lüdtke, Eigen-Sinn. Fabrikalltag, Arbeitererfahrungen und Politik vom Kaiserreich bis in den Faschismus, Hamburg 1993, S. 140.

    [7] Lindenberger, Eigen-Sinn (Anm. 3), pdf-Version, S. 8.

    [8] Ebd., S. 10, S. 8.

    [9] Ebd., S. 13.

    [10] Vgl. Janosch Steuwer/Rüdiger Graf (Hg.), Selbstreflexionen und Weltdeutungen. Tagebücher in der Geschichte und der Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts, Göttingen 2015.

    [11] Jan Philipp Reemtsma, Sonst nix oder Wer ist Caliban?, in: ders., Warum Hagen Jung-Ortlieb erschlug. Unzeitgemäßes über Krieg und Tod, München 2003, S. 267-278, hier S. 271, mit Bezug auf: Niklas Luhmann, Macht, 2., durchgesehene Aufl. Stuttgart 1988. Zu Motiven vgl. auch Stefan Gosepath (Hg.), Motive, Gründe, Zwecke. Theorien praktischer Rationalität, Frankfurt a.M. 1999.

    [12] Hier nur der Hinweis auf: Volker Depkat, Autobiographie und die soziale Konstruktion von Wirklichkeit, in: Geschichte und Gesellschaft 29 (2003), S. 441-476; Martin Sabrow (Hg.), Autobiographische Aufarbeitung. Diktatur und Lebensgeschichte im 20. Jahrhundert, Leipzig 2012; Ulrike Jureit, Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden – Mündlich erfragte Fallgeschichten als Quellen historischer Forschung, in: Susanne Düwell/Nicolas Pethes (Hg.), Fall – Fallgeschichte – Fallstudie. Theorie und Geschichte einer Wissensform, Frankfurt a.M. 2014, S. 227-241.

    [13] Zum Mentalitätsdiskurs vgl. Volker Sellin, Mentalitäten in der Sozialgeschichte, in: Wolfgang Schieder/Volker Sellin (Hg.), Sozialgeschichte in Deutschland, Bd. 3: Soziales Verhalten und soziale Aktionsformen in der Geschichte, Göttingen 1987; František Graus (Hg.), Mentalitäten im Mittelalter. Methodische und inhaltliche Probleme, Sigmaringen 1987; Ulrich Raulff (Hg.), Mentalitäten-Geschichte. Zur historischen Rekonstruktion geistiger Prozesse, Berlin 1987; Peter Schöttler, Mentalitäten, Ideologien, Diskurse. Zur sozialgeschichtlichen Thematisierung der »dritten Ebene«, in: Alf Lüdtke (Hg.), Alltagsgeschichte. Zur Rekonstruktion historischer Erfahrungen und Lebensweisen, Frankfurt a.M. 1989, S. 85-136; Peter Dinzelbacher (Hg.), Europäische Mentalitätsgeschichte. Hauptthemen in Einzeldarstellungen, Stuttgart 1993; Frank-Michael Kuhlemann, Mentalitätsgeschichte. Theoretische und methodische Überlegungen am Beispiel der Religion im 19. und 20. Jahrhundert, in: Hans-Ulrich Wehler/Wolfgang Hardtwig (Hg.), Kulturgeschichte Heute, Göttingen 1996, S. 182-211; Ingrid Gilcher-Holtey, Plädoyer für eine dynamische Mentalitätsgeschichte, in: Geschichte und Gesellschaft 24 (1998), S. 476-497; Ute Daniel, Kompendium Kulturgeschichte, Frankfurt a.M. 2001.

    [14] Hier nur der Verweis auf: Albert Bandura, Social Foundations of Thought and Action. A Social Cognitive Theory, Englewood Cliffs 1986; ders., Social Cognitive Theory: An Agentic Perspective, in: Asian Journal of Social Psychology 2 (1999), S. 21-41; Chris Baker, Culture Studies. Theories and Practice, London 2005.

    [15] Vgl. den herausragenden Aufsatz von Rod Aya, Der Dritte Mann, oder Agency in der Geschichte, oder: Rationalität in der Revolution, in: Manfred Hettling/Andreas Suter (Hg.), Struktur und Ereignis, Göttingen 2001, S. 33-45, hier S. 36.

    [16] Ebd., S. 38.

    [17] Vgl. auch zum Folgenden: Peter Bieri, Das Handwerk der Freiheit. Über die Entdeckung des eigenen Willens, München 2001, hier insbesondere S. 43-83.

    [18] Vgl. Jan Philipp Reemtsma, Über den Begriff »Handlungsspielräume«, in: Mittelweg 36 11 (2002) H. 6, S. 5-23; Ulrike Jureit, Motive – Mentalitäten – Handlungsspielräume. Theoretische Anmerkungen zu Handlungsoptionen von Soldaten, in: dies./Christian Hartmann/Johannes Hürter (Hg.), Verbrechen der Wehrmacht. Bilanz einer Debatte, München 2005, S. 163-170.

    [19] Vgl. Thomas Kühne, Die Viktimisierungsfalle. Wehrmachtsverbrechen, Geschichtswissenschaft und symbolische Ordnung des Militärs, in: Michael Th. Greven/Oliver von Wrochem (Hg.), Der Krieg in der Nachkriegszeit. Der Zweite Weltkrieg in Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik, Opladen 2000, S. 183-196; ebenso: Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.), Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944, Hamburg 2002, insbesondere S. 579-627.

    [20] Michael Hardt/Antonio Negri, Empire. Die neue Weltordnung, durchgesehene Studienausg. Frankfurt a.M. 2003, S. 225.

    [21] Grundlegend für diese Perspektive: Yann Moulier Boutang/Jean-Pierre Garson/Roxane Silberman, Économie politique des migrations clandestines de main-d’œuvre: comparaisons internationales et exemple français, Paris 1986; Yann Moulier Boutang, De l’esclavage au salariat: Économie historique du salariat bridé, Paris 1998; ders., Nicht länger Reservearmee. Thesen zur Autonomie der Migration und zum notwendigen Ende des Regimes der Arbeitsmigration, in: Subtropen. Beilage zur Wochenzeitung Jungle World, 12.4.2002; TRANSIT MIGRATION Forschungsgruppe (Hg.), Turbulente Ränder. Neue Perspektiven auf Migration an den Rändern Europas, Bielefeld 2006.

    [22] Vgl. beispielsweise Manuela Bojadžijev, Das »Spiel« der Autonomie der Migration, in: Zeitschrift für Kulturwissenschaften 5 (2011) H. 2, S. 139-145.

    [23] Stephan Scheel, Das Konzept der Autonomie der Migration überdenken? Yes, please!, in: movements. Journal für kritische Migrations- und Grenzregimeforschung 1 (2015) H. 2, pdf-Version, S. 9; Sandro Mezzadra, Autonomie der Migration – Kritik und Ausblick. Eine Zwischenbilanz, in: grundrisse. zeitschrift für linke theorie &amp; debatte 34 (2010), S. 22-29. Konkrete Beispiele dieser sich selbst als »kollaborative Forschungspraxis« bezeichnenden Arbeit findet man bei Nina Violetta Schwarz, Widerstand im Warten. Migration und Inhaftierung in der Republik Zypern, in: movements. Journal für kritische Migrations- und Grenzregimeforschung 1 (2015) H. 2; Gerda Heck, »Die beste Reise meines Lebens«. Migrationsmanagement und migrantische Strategien am Beispiel Marokkos, in: Sabine Hess/Bernd Kasparek (Hg.), Grenzregime. Diskurse, Praktiken, Institutionen in Europa, Berlin 2010, S. 43-56; Eva Bahl, »We can earn lots of money in our country. It was never our plan to go to Europe.« Geschichten von einer komplexen Grenze, in: movements. Journal für kritische Migrations- und Grenzregimeforschung 1 (2015) H. 1.

    [24] Scheel, Konzept der Autonomie (Anm. 23), S. 9.

    [25] Bojadžijev, »Spiel« (Anm. 22), S. 141. Dazu kritisch mit einem Plädoyer für die Verschränkung von Mikro-, Meso- und Makroebene: Jochen Oltmer, »Autonomie der Migration« oder »Eigen-Sinn« von Migranten?, in: Zeitschrift für Kulturwissenschaften 5 (2011) H. 2, S. 151-154; ausführlicher: ders., Migration vom 19. bis zum 21. Jahrhundert, 3., aktualisierte und erweiterte Aufl. Berlin 2016; Klaus J. Bade u.a. (Hg.), Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Paderborn 2007; Alejandro Portes/Josh DeWind (Hg.), Rethinking Migration. New Theoretical and Empirical Perspectives, New York 2007; Jan Lucassen/Leo Lucassen (Hg.), Migration, Migration History, History. Old Paradigms and New Perspectives, 3. Aufl. Bern 2005; Dirk Hoerder, Cultures in Contact. World Migrations in the Second Millennium, Durham 2001; Douglas Massey, Worlds in Motion. Understanding International Migration at the End of the Millennium, Oxford 1998; William H. McNeill/Ruth S. Adams (Hg.), Human Migration. Patterns and Policies, Bloomington 1978.

    [26] Bojadžijev, »Spiel« (Anm. 22), S. 143.

    [27] Ebd.

    [28] Zum Beispiel von Martina Benz/Helen Schwenken, Jenseits von Autonomie und Kontrolle: Migration als eigensinnige Praxis, in: Prokla. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft 35 (2005), S. 363-377, Zitat S. 375.

    [29] Bojadžijev, »Spiel« (Anm. 22), S. 142.

    [30] Benz/Schwenken, Migration als eigensinnige Praxis (Anm. 28), S. 376.

    [31] Scheel, Konzept der Autonomie (Anm. 23), S. 5.

    [32] Sabine Hess/Vassilis Tsianos, Ethnographische Grenzregimeanalyse. Eine Methodologie der Autonomie der Migration, in: Hess/Kasparek, Grenzregime (Anm. 23), S. 243-264, hier S. 243. Siehe neuerdings auch Lisa-Marie Heimeshoff u.a. (Hg.), Grenzregime II. Migration, Kontrolle, Wissen. Transnationale Perspektiven, Berlin 2014; Sabine Hess u.a. (Hg.), Der lange Sommer der Migration. Grenzregime III, 2., korrigierte Aufl. Berlin 2017.

    [33] Exemplarisch sei verwiesen auf die Forschungen von Ruud Koopmans, Assimilation oder Multikulturalismus? Bedingungen gelungener Integration, Berlin 2017; Alexander Betts/Paul Collier, Gestrandet. Warum unsere Flüchtlingspolitik allen schadet – und was jetzt zu tun ist, München 2017; Paul Collier, Exodus. Warum wir Einwanderung neu regeln müssen, 2. Aufl. München 2014.

    [34] Vgl. Michel de Certeau, Kunst des Handelns [1980], Berlin 1988, S. 179ff. Der »Prozess des Gehens« wird hier sprachlichen Formen und ihren Veränderungen angenähert, was de Certeau die »Rhetorik des Gehens« nennt. In Anlehnung an Stuart Hall unternimmt Tina Spies den lesenswerten Versuch, Migration mit dem Konzept der Artikulation zu verbinden; vgl. dies., Position beziehen. Artikulation und Agency als Konzepte der Kritik in der Migrationsforschung, in: Paul Mecheril u.a. (Hg.), Migrationsforschung als Kritik? Konturen einer Forschungsperspektive, Wiesbaden 2013, S. 157-169; dies., Diskurs, Subjekt und Handlungsmacht. Zur Verknüpfung von Diskurs- und Biographieforschung mithilfe des Konzepts der Artikulation, in: Forum Qualitative Sozialforschung 10 (2009) H. 2.

    [35] De Certeau, Kunst des Handelns (Anm. 34), S. 190.

    [36] Ebd., S. 124.

    [37] Hier nur der Hinweis auf die Forschung am Deutschen Historischen Institut Washington: Lisa Gerlach, Migration and Knowledge, in: Bulletin of the German Historical Institute Washington DC 60 (2017), S. 125-130. Siehe außerdem Anne Friedrichs, Placing Migration in Perspective. Neue Wege einer relationalen Geschichtsschreibung, in: Geschichte und Gesellschaft 44 (2018), S. 167-195.

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